Stille Tage: Die Zeit des Gedenkens ist da

von Katharina Loof

Mit dem Volkstrauertag hat der erste von insgesamt drei der so genannten „stillen Tage“ begonnen, die in der Bundesrepublik ihren festen Platz vor dem Beginn der Adventszeit haben. Doch was wird an den Tagen eigentlich genau „gefeiert“, an was gedacht und woher kommt die Bezeichnung „stille Tage“?
Die stillen Tage sind vom deutschen Feiertagsgesetz vorgeschrieben und unterliegen einem besonderen Schutz: Gemeint sind alle religiösen Feiertage von Heilg­abend über die Oster- und Pfingsttage, Allerheiligen / Allerseelen bis zu den letzten dreien Volkstrauertag, Buß- und Bettag sowie Totensonntag. An diesen Tagen sind alle Veranstaltungen verboten, die dem stillen Charakter, gemeint ist die Trauer um Verstorbene oder das christliche Gedenken an Jesus Christus, widersprechen.
Der Volkstrauertag ist der einzige staatliche Feiertag in dieser Reihe und wurde erstmals 1925 begangen. Am Vortag war der erste Reichspräsident Friedrich Ebert verstorben, sodass an diesem Tag überall Gedenkfeiern stattfanden. Vorgeschlagen wurde er bereits 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges. Drei Jahre später fand dazu die erste Gedenkstunde im Reichstag statt. Warum es 30 Jahre dauerte, bis der Volkstrauertag offizieller deutscher Feiertag wurde, ist der früheren Uneinigkeit zwischen Bund und Ländern geschuldet. Auch ließ sich ein neuer Termin nicht leicht zwischen die bereits von der Kirche besetzten Feiertage schieben. So wurde der Volkstrauertag vorerst auf das Frühjahr (fünf Wochen vor Ostern) gelegt. Erst 1952 wurde der Volkstrauertag auf den Sonntag zwei Wochen vor dem ersten Advent gelegt und seitdem regelmäßig begangen. An diesem Tag, am heutigen Sonntag, 18. November, wird an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltbereitschaft und Gewaltherrschaft aller Nationen erinnert. Auch im Landkreis wird der Tag für umfassende Trauermärsche, Kranzniederlegungen und spezielle Gedenkgottesdiens­te genutzt. Nicht nur der Opfer der beiden Weltkriege soll gedacht werden, im Fokus stehen als Mahnung die Menschen, die weltweit Opfer von Verfolgung, Diskriminierung und Gewaltherrschaft wurden.
Der Buß-und Bettag war bis 1995 bundesweit arbeitsfreier Feiertag, heutzutage wissen die meisten jüngeren Menschen nichts mit der Bedeutung hinter dem Tag anzufangen. Der evangelische Feiertag geht auf Notzeiten zurück und wurde von der Kirche immer wieder ausgerufen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wird ein allgemeiner Buß- und Bettag am Mittwoch vor dem Ewigkeitssonntag, dem letzten Sonntag des Kirchenjahres, begangen. In diesem Jahr fällt der Buß- und Bettag auf den 21. November. Dieser Tag soll zur Entschleunigung, zum Insichkehren, zum Innehalten genutzt werden. Es geht um das Hinterfragen, um Fürbitten und im übertragenen Sinne um ein gesellschaftliches Engagement.
Der Totensonntag ist ein Gedenktag für die Verstorbenen und fällt auf den letzten Sonntag vor dem ersten Advent. Während die Kirche an diesem Tag das jüngste Gericht thematisiert, verschafft er den Menschen im Alltag Raum, um verlorener Menschen zu gedenken.

Vier Phasen der Trauerbewältigung

Das Sprichtwort „Zeit heilt alle Wunden“ lässt sich auf viele Bereiche des Lebens übertragen und endet eben mit diesen Grenzen. Für den Tod und das Abschiednehmen hat Zeit hingegen keine Bedeutung. Im besten Fall kann sie helfen, mit dem Verlust eines geliebten Menschen umgehen zu können; als „geheilt“ vom Schmerz fühlen sich die Betroffenen aber nie.
Der Tod und die damit einhergehende Trauer machen vor keinem Menschen Halt. Der Verlustschmerz trifft jedoch jeden individuell: Wie lange das Gefühl der Leere und der Ohmacht anhält, kann nicht vorausgesagt werden. Folglich gibt es hinsichtlich des Verlustempfindens auch kein „Normal“, kein „Zu kurz“, „Zu heftig“ oder „Zu lang“.
Experten sind sich aber einig, dass jeder Mensch in etwa die gleichen Phasen der Trauer durchläuft, die jeweils unterschiedlich lang und intensiv durchlebt werden können. das bekannteste Modell zur Trauerbewältigung stammt von der Psychologin Verena Kast. Sie unterscheite zwischen vier Phasen: Die erste, meist kürzeste Phase ist geprägt von Schock und Verleugnung. In dieser Zeit brauchen die betroffenen Menschen starke Unterstützung im Alltag. In diese Zeit fällt die Planung der Beerdigung und Trauerfeier, der Organisation von Dokumenten und der gestaltung der Traueranzeigen.
Darum übernehmen die meisten Bestattungshäuser einen wichtigen Part als Begleiter und Unterstützer in dieser ersten schlimmen Zeit.
Die zweite Phase nennt Kast die Zeit der Emotionen. Wenn Ruhe in den Alltag kommt, die Trauerfeier vorbei ist, der Verstorbene Beerdigt wurde und alle Formalitäten erledigt, fühlen sich die Betroffenen überrannt von Wut, Angst und Verzweiflung.
Diese Phase nennt Kast als besonders kritisch, weil „unsere Gesellschaft von Selbstbeherrschung geprägt ist – Das Sichgehenlassen wird selten akzeptiert“. In dieser zeit ist Geduld und Zuneigung vom Umfeld wichtig. Gute Bestattungshäuser helfen auch in dieser Phase, die eigenen Gefühle zu verstehen sowie mit der Reaktion des Umfelds umgehen zu können.
„Suchen, finden, sich trennen“ nennt Kast die dritte Phase, in der die Nähe zum Verstorbenen unbewusst oder bewusst mittels Fotos, bestimmter Räume und Aktivitäten gesucht wird.
Dies sei wichtig, um den Bezug zur Realität herstellen zu können, erklärt Kast in ihrem Modell. Die Hinterbliebenen müssten lernen, Situationen allein zu meistern. Diese Phase könne mehrere Jahre dauern und gilt daher als längste der vier Unterteilungen.
Mit der vierten Phase, in der der Tod und damit der Verlust des Verstorbenen akzeptiert werde, sei die Trauerbewältigung abgeschlossen. Der verlorene Mensch ist zu einer inneren, begleitenden Figur geworden.
Trauerberater sind sich einig, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg finden muss, wieder zurück in den Alltag zu finden. Gespräche mit Freunden und Bekannten, zur Not auch professionelle Hilfe bei Therapeuten und Psychologen können helfen, mit dem Schmerz umzugehen.
Auch ein Ort der Trauer, wie Gedenk- und Grabstäten seien wichtig für die Verarbeitung der Trauer, um den gefühlen einen Raum zur Entfaltung zu geben.

Auch Kinder dürfen und sollen trauern

Wenn ein geliebter Mensch bestattet wird, stehen Eltern neben ihrer eigenen Trauerbewältigung vor der Frage: Wie soll ich mit meinem Kind über den Tod reden? Kinder in Beziehung mit dem Tod zu setzen, fällt schwer.
Schließlich sollen sie zunächst vor den Schattenseiten des Lebens bewahrt werden. Tritt der Fall jedoch einmal ein, ist es Aufgabe der Eltern, diese Phase tröstend zu begleiten. Offen darüber zu sprechen und Neugier auf das wichtige Thema bei ihnen zu wecken, sind in dieser Ausnahmesituation dann sehr hilfreich für alle Beteiligten.
„Seitdem ich selbst Vater bin, weiß ich erst, wie schwierig es wirklich ist, Kindern den Tod nahe zu bringen“, sagt Oliver Suhre, Geschäftsführer der Monuta Sterbegeldversicherungen. „Doch es ist wichtig, das Thema Sterben nicht zu verdrängen, denn damit ist keinem geholfen.“
Zusammen mit Joachim Hall, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Elberfeld-Nord, gibt Oliver Suhre nützliche Tipps, wie man mit Kindern in solch einer schweren Zeit umgeht – und sie gut durchsteht.
1. Offen über den Tod sprechen
„Wo ist Oma jetzt? Geht es ihr gut?“ Diese Fragen werden am häufigsten gestellt. Die Antworten
darauf sollten offen und ehrlich erfolgen, ohne Angst vor dem Thema. „Beschönigungen, wie ‚Oma schläft jetzt‘ oder ‚sie befindet sich auf einer langen Reise‘ helfen dem Kind nicht, sie könnten sich dadurch sogar fürchten. Sie fragen sich, ob sie selbst wieder aufwachen, wenn sie sich schlafen legen. Kinder können nicht abstrakt denken und nehmen solche Aussagen wörtlich auf“, weiß Suhre.
2. Eigene Gefühle zeigen
Eltern sollten ihren Kindern erklären, warum sie selbst in den vergangenen Tagen viel geweint haben.
Es hilft auch dabei, ihnen darzulegen, wie sie zeitweise Trost fanden. Kinder lernen so, dass Erwachsene die gleichen Gefühle haben, wie das Kind selbst. Eine trostspendende Umarmung hilft über den Verlust hinweg.
3. Kinder auf der Trauerfeier? Natürlich!
Ab dem vierten Lebensjahr ist es gut, das Kind an einer Trauerfeier teilhabenzulassen, damit es den zeremoniellen Ablauf kennenlernt. Dort wird viel über den Verstorbenen gesprochen, sich an ihn erinnert. Durch die Teilnahme lernt das Kind, auf seine ganz eigene Art und Weise Abschied zu nehmen. „Es kann in der Kapelle herumlaufen, auf dem Schoß einer vertrauten Person sitzen oder Bilder malen, die die Gefühle zum Ausdruck bringen“, erklärt Pfarrer
Joachim Hall. „So gestaltet es sogar die Zeremonie aktiv mit – und die Bilder können schließlich mit in das Grab des Verstorbenen gelegt werden.
4. Urnenbestattungen bedürfen besonderer Aufklärung
Bei einer Urnenbestattung sollten die Kinder allerdings altersgerecht vorbereitet werden. Kleinen Kindern ängstigt der Gedanke, dass ein verstorbener Mensch verbrannt wird. Es sollte
vielmehr gesagt werden: ‚Die Urne ist eine Erinnerung an Opa‘. Erst ab dem Grundschulalter verstehen Kinder diese Bestattungsform.
5. Erinnerungen bleiben
„Nach einer Bestattung mit dem Kind alte Fotoalben durchzublättern und positive Geschichten zu der verstorbenen Person zu erzählen, hilft das Verlustgefühl zu verstehen. Die Person ist fort, existiert aber weiter in den Gedanken. Es ist ein tröstliches Gefühl, zu wissen, dass geliebte Menschen nicht vergessen werden“, erklärt Suhre.
6. Keinen Druck ausüben
Kinder trauern anders als Erwachsene. Aus diesem Grund sollten Kinder nicht dazu gedrängt werden, über den Tod zu sprechen. Oft wirken sich Trauerphasen neben Weinen auch durch Stille und Wutausbrüche aus. So überwinden sie das Ohnmachtsgefühl. Dabei ist es wichtig, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Dennoch trösten Umarmungen und die elterliche Nähe am meisten.

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