Helmstedt. Auch beim seinerzeit stets gut besuchten Real-Supermarkt holt sich die Natur den versiegelten Parkplatz zurück – aber nicht mehr lange.

Was waren das für „stürmische“ Zeiten im Helmstedter Stadtrat, als dieser sich über die Schaffung einer „Grünen Wiese“ vor den Toren der Stadt in Richtung Emmerstedt oder um den Bau eines Designer Outlet Centers stritt? Von den lebendigen Diskussionen in den 1980er beziehungsweise 2000er Jahren ist nicht mehr viel übrig geblieben an der Emmerstedter (Land)Straße in Helmstedt. Denn rund um den einstigen Bahnhof Emmerstedts wirkt es verlassen und teilweise stark verwildert. Es haben sich (mindestens) zwei Lost Places gebildet: das Hellac-Hochhaus und der Real-Markt inklusive dessen Parkplatz. Dabei kann von vergessenen Plätzen gar nicht die Rede sein, stellt Helmstedts Bürgermeister Wittich Schobert auf Nachfrage des HELMSTEDTER SONNTAG klar. Denn in beiden Objekten stecke noch „Leben“, wenn auch aktuell nicht offensichtlich. Aber einmal der Reihe nach. 

Neues Leben für das Verwaltungsgebäude?

Das Hellac-Gelände an der Emmerstedter Straße hat nach dem Aus der namensgebenden Helmstedter Lack- und Farbenfabrik mehrere Besitzerwechsel erlebt. In den 2000er Jahren träumte die Mehrheit des Stadtrates zusammen mit einer extra gegründeten GmbH davon, an dem Standort ein Outlet Center zu erreichten. Im Lauf der Jahre wurde 2013 auch die allgemein als „Villa Rosé“ bekannte Notunterkunft abgerissen. Nachdem der Regionalverband Großraum Braunschweig die Errichtung eines Outlets untersagte, passierte lange Zeit nichts. Vor wenigen Jahren dann brachte ein neuer Investor wieder Leben in das in der Zwischenzeit ziemlich in Mitleidenschaft gezogene Hellac-Verwaltungsgebäude. Die Entkernung verlief unter anderem wegen einer notwendigen Sonderentsorgung von Asbest-Baumaterialien langwierig. Aber laut Bürgermeister Schobert wurde das Ziel nie aus den Augen verloren: Das Hochhaus soll zu einem Hostel werden. „So ist das auch noch heute“, informiert Schobert, der allerdings einschränkt, dass sich mehrere Begleitumstände geändert haben: So hat das Gelände erneut einen anderen Eigentümer, der aber ebenfalls ein Hostel plant. „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Baukosten in den vergangenen Jahren massiv gestiegen sind“, unterstreicht das Stadtoberhaupt. Zusätzlich wirke sich das Intel-Aus in Magdeburg auf die Stadt aus. Für die vielen Tausend Arbeitsplätze wäre Wohnraum nötig geworden, der wegen der Nähe auch in Helmstedt gefragt gewesen wäre. 

Hostel-Bau sollte gut überlegt sein

Entsprechend müsse ein so großes Vorhaben wie der Bau eines Hostels sicherlich intensiv überdacht werden, drückt sich der Bürgermeister eher zurückhaltend aus. Schließlich erinnert Wittich Schobert daran, dass eine große Baumaßnahme ihre Schatten vorauswirft, die zu Startschwierigkeiten einer neuen Einrichtung führen könnten. Denn in 2028 oder 2029 planen das Land Niedersachsen und die Stadt Helmstedt gemeinsam, die Emmerstedter Straße komplett zu sanieren und grundhaft zu erneuern. „Das wird eine extrem große Baumaßnahme, die nur unter Vollsperrung möglich sein wird“, gibt er zu bedenken. Dann immer noch erreicht werden könnte das Gelände des ehemaligen Real-Marktes, von Helmstedt kommend beispielsweise über die Umgehungsstraße. Dass die Erreichbarkeit während der Bauphase der Emmerstedter Straße notwendig sein wird, davon ist Schobert überzeugt. Denn „es tut sich etwas“, könnte man sagen. Um keine Hinweise auf einen möglichen Interessenten zu geben, drückt sich der Bürgermeister zurückhaltend aus. „Ins Thema Nachnutzung des Real-Gelände ist Bewegung gekommen“, sagt er, ohne zu verraten, welche Branche über eine Ansiedlung auf dem Gelände nachdenkt. Aktuell werde im Helmstedter Rathaus allein baurechtlich geprüft, ob der alte Markt in seiner Grundform so genutzt werden muss, wie er dort steht, oder ob ein Neubau möglich wäre, ohne den Bestandsschutz zu gefährden. 

Keine Lost Places im eigentlichen Sinne

Damit spricht Schobert direkt die Krux bei dem Thema an: Als der Stadtrat in den 1980er Jahren die „Grüne Wiese“ am Emmerstedter Bahnhof genehmigte, war es kein Problem, dort großflächigen Einzelhandel anzusiedeln. Inzwischen gibt es allerdings Einzelhandelskonzepte und Co., die vorschreiben, welche Waren an welchen Orten einer Stadt verkauft werden dürfen. Bedeutet: Ein so großer „Vollsortimentler“ wie Real es war, würde heute nicht mehr genehmigt. Durch den Bestandsschutz wäre es aber möglich, beispielsweise einen solchen Supermarkt wieder zu eröffnen. „Wer früher dort einkaufen war, weiß, dass es an vielen Stellen durchregnete“, weist Schobert auf den minderwertigen Zustand des vorhandenen Gebäudes hin. „Deshalb wäre es schön, wenn es möglich wäre, neu zu bauen.“ Zum Abschluss hat der Bürgermeister noch einen wichtigen Sicherheitshinweis, der nicht nur für die beiden genannten Gebäude gilt: „Bitte betreten Sie die Gebäude nicht. Es handelt sich um aktive Baustellen, die Eigentümer haben.“  Deshalb sind die Hellac und der Real-Markt also auch keine Lost Places im eigentlichen Sinn. 

Chefredakteurin at Helmstedter Sonntag | + posts

Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit 30 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor 25 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.