Königslutter. Mariam Ghazi hat sich in ihrer Dissertation insbesondere mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Königslutter auseinandergesetzt

Der Braunschweiger Landtag fasste 1861 den Beschluss eine „Heil- und Pflegeanstalt Königslutter“ auf dem Gelände des ehemaligen Benediktinerklosters direkt am Kaiserdom zu errichten. Am 1. Dezember 1865 – also vor etwas über 160 Jahren – wurde das heutige AWO-Psychiatriezentrum (APZ) eröffnet.  Mit der seinerzeitigen „Herzoglichen Heil- und Pflegeanstalt zu Königslutter“ wurde die Grundlage für die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen geschaffen. 234 männliche Patienten wurden zu Beginn aus der Braunschweiger „Irrenanstalt Alexius-Haus“ (die 1865 wirklich so hieß) mit Kutschen nach Königslutter gebracht. 

Ein Krankenhaus mit umfangreicher Geschichte

Durch die Tatsache, dass das APZ in Königslutter zwei Weltkriege durchlebte und eigene Höhen wie Tiefen mitnahm, hat das Krankenhaus eine umfangreiche Historie. Das stellte auch Mariam Ghazi, Doktorandin für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte der TU Braunschweig, fest, die die Geschichte der Lutteraner Klinik wissenschaftlich in ihrer Dissertation aufgearbeitet hat: „Die Geschichte des Standortes Königslutter spiegelt die gesellschaftlichen und historischen Herausforderungen wider, mit denen psychiatrische Einrichtungen in Deutschland konfrontiert waren“, so Ghazi, die bei ihrer Dissertation von Bettina Wahrig, Ruhestandsprofessorin für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte in Braunschweig, betreut wurde.  Ihrer Arbeit hat Ghazi den Titel „Vorgeschichte und Etablierung der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Niedersächsischen Landeskrankenhaus Königslutter von 1951 bis 1962: Zwischen Fürsorge und therapeutischen Maßnahmen“ gegeben.

Aus Detroit nach Wolfenbüttel

„Die Findung des passenden Themas war ein langer Prozess“, erzählt die Doktorandin. Während ihres praktischen Jahres am Henry Ford Hospital in Detroit, USA, im Jahr 2015 sei ihr Interesse an der Arbeit mit Patientenakten durch ihre Forschungsarbeit vor Ort geweckt worden. Deshalb habe sie dieses Thema 2019 bei der Wahl ihres späteren Dissertationsvorhabens aufgegriffen. Die junge Frau legte in Stade los. Im niedersächsischen Landesstaatsarchiv beschäftigte sie sich mit „Patientenakten von Kriegsveteranen aus der Nachkriegszeit, wobei dieses Thema mein wissenschaftliches Interesse jedoch nicht nachhaltig weckte“, sagt sie. Die Suche führte sie weiter nach Wolfenbüttel ins niedersächsische Landesarchiv. „Ich habe mich dann in die Patientenakten aus dem Niedersächsischen Landeskrankenhaus Königslutter eingelesen und bin beim Durchblättern auf Kinderakten in diesem Bestand gestoßen. Da ich die Forschung mit Kindern besonders interessant finde, habe ich mein Thema auf Kinderakten eingeschränkt.“ Während ihrer Arbeit stellte Mariam Ghazi fest, dass die Situation in Königslutter sehr besonders war, „da es die erste klinische Abteilung für Kinder und Jugendliche in Niedersachsen überhaupt war – eine Innovation zu dieser Zeit“, betont die Doktorandin. 

An die 9.000 Akten gesichtet

Während ihrer Recherche habe sie einen Bestand von 9.054 Akten aus der Zeit der Heil- und Pflegeanstalt und des Niedersächsischen Landeskrankenhauses (NLK) gesichtet. „Mein Ziel war es, nur die Daten der Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahre, die ausschließlich in der ersten Kinder- und Jugendpsychiatrie-Abteilung behandelt wurden, in meine Arbeit schwerpunktmäßig einfließen zu lassen. Denn es gab zu der Zeit noch Kinder und Jugendliche, die auch in anderen Abteilungen untergebracht waren.“ Nach der Durchsicht waren es am Ende 1.080 Akten mit 1.135 Vorgängen, die relevant waren. „Ich fand es sehr spannend und interessant zu sehen, wie sich manche Vorgänge entwickelt haben.“ Trotz anfänglicher Schwierigkeiten durch die Corona-Pandemie und der notwendigen Vor-Ort-Bearbeitung der Akten empfand sie den Arbeitsprozess als sehr bereichernd. „Besonders eindrucksvoll war die historische Bedeutung der heutigen Kinder- und Jugendpsychiatrie als erste Einrichtung ihrer Art in Nieder-sachsen sowie die Einblicke in die Patientenakten.“ Natürlich vernachlässigt Ghazi in ihrer Arbeit die düsteren Zeiten der Einrichtung, insbesondere während des Zweiten Weltkrieges, nicht. In ihrer Dissertation schreibt sie: „Zwischen 1933 bis 1945 stieg die Sterberate in der Anstalt auf rund 15 Prozent an – ein drastischer Anstieg im Vergleich zu den Jahren 1927 bis 1932 als sie ‚lediglich‘ bei sechs Prozent lag. Zudem wurde auch die Heil- und Pflegeanstalt Königslutter zeitweise als Durchgangsstation genutzt. Über Königslutter wurden in dieser Zeit 234 externe und 184 interne Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Bernburg, verlegt.“

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Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit 30 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor 25 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.