Helmstedt. Das Engagements eines Ehepaars motiviert unter anderem Helmstedter „Konfis“ und schafft Bildungschancen für Kinder auf Madagaskar
Angefangen hat alles mit der Liebe, der Liebe zwischen Marie aus Madagaskar und Ludger aus Wolfenbüttel. Mitte der 1990er Jahre war das. Zuerst wechselten Briefe die Kontinente, dann wollte Paul die Frau, der er schrieb und auf deren Briefe er sehnsüchtig warte, persönlich kennenlernen. Die Reise zu ihr über den Indischen Ozean an die Südostküste von Afrika? Damals, lange bevor Kommunikation mit jedem Ort auf der Erde, egal wie entlegen, nur ein paar Klicks entfernt lag, war das ein Abenteuer, das diesen Namen auch verdient, erzählt Ludger Paul. Aber die 14-stündige Reise vor 30 Jahren, die war es wert. Paul hat im fernen Madagaskar die Liebe gefunden und zusammen mit Marie 2004 in ihrem Heimatdorf Ankadinondrikely, 160 Kilometer von der Hauptstadt Antananarivo entfernt, eine Schule gegründet. Aber erst einmal verliebten sich die beiden Brieffreunde und heirateten, Marie kam mit ihren damals zwölf und 14 Jahre alten Kindern nach Deutschland. In ihrer Heimat galt sie fortan als reiche Frau. Resultat: Wenn sie, die Lehrerin, ihre Verwandten am anderen Ende der Welt besuchte, kam unweigerlich die Bitte: „Baut uns eine Schule!“
Seit 2009 ist die Schule staatlich anerkannt
Viele Kinder aus ihrem Heimatort wuchsen zu dieser Zeit ohne Unterricht auf. Das Hauptdorf mit der einzigen Schule in der Gegend liegt sieben Kilometer von Ankadinondrikely entfernt, ein langer Fußweg über oft unpassierbare Wege und in der Regenzeit überschwemmte Felder. Die erste Klasse mit 38 Kindern und einem Lehrer bildete den Anfang der Dorfschule, 2005 gründete Marie mit neun gleichgesinnten Personen, Menschen, denen das Thema so am Herzen lag wie ihr selbst, zur Unterstützung des Projektes den Verein Lovasoa. Zwei neue Gebäude inklusive Mobiliar für sechs Klassen sind seither in Ankadinondrikely entstanden. Sechs Lehrkräfte unterrichten. Auch ein Brunnen, eine Toilette und eine warme Mahlzeit einmal pro Woche hat der Verein über die Jahre organisiert. Besonders die Instandhaltung der Gebäude und das Schulmaterial stehen heute im Mittelpunkt des noch immer andauernden Engagements. Seit 2009 ist die kleine Dorfschule von Ankadinondrikely staatlich anerkannt, aber das finanzielle Engagement, erklärt das Ehepaar Paul, beschränke sich auf eine kleine Subvention, ausreichend für den ganz normalen Schulbetrieb ist das nicht. Madagaskar, die weltweit viertgrößte Insel, gehört zu den zehn ärmsten Ländern der Welt, Hungersnöte und politische Unsicherheit prägen den Alltag.
Madagasy = ein Vermächtnis
Gemeinsam mit den anderen Vereinsmitgliedern wollen die Pauls sich deshalb auch weiterhin dafür einsetzen, dass die Kinder von Ankadinondrikely eine Chance auf Bildung und durch die Bildung eine Chance haben. Es ist, als ob der Vereinsname Lovasoa gleichsam auch eine Botschaft ist, übersetzt aus Maries Muttersprache, dem Madagasy, heißt es „Vermächtnis“. Maries Vermächtnis für ihre Heimat. Die Grundschule in Ankadinondrikely und der Förderverein Lovasoa bestehen mittlerweile mehr als 20 Jahre und die Schule ist seitdem gewachsen, von Jahr zu Jahr um eine Klasse, mittlerweile gibt es 350 Lernende. Seit 2018 immerhin übernimmt der Staat das Gehalt von zwei der sechs Lehrkräfte, die anderen vier zahlt Lovasoa. Im letzten Jahr konnten erstmals die Innenräume des Schulhauses gestrichen werden, aber nach wie vor haben die Fenster kein Glas und der Schulhof ist nicht befestigt, rote Erde weht durch Türen und Fenster. Trotzdem: Die Schule läuft gut, etwa 97 Prozent der Lernenden bestehen alljährlich die Abschlussprüfungen, auch wenn die Umstände alles andere als einfach sind, die wirtschaftlichen wie die politischen.
Ein bewegendes Projekt
Einige ehemalige Lernende der Dorfschule von Ankadinondrikely leben heute in Deutschland und haben eine Ausbildung in der Pflege abgeschlossen. Mit ihrem Einsatz für alte und kranke Personen in der Heimat des Unterstützervereins lovasoa möchten sie, sagt Ludger Paul, der Armut und Korruption in ihrer Heimat entfliehen, vor allem aber etwas von dem zurückgeben, was ohne die Hilfe der zahlreichen Schulen, Stiftungen, Firmen, Einrichtungen und Kirchengemeinden nicht möglich gewesen wäre. Zu denen gehört auch St. Christophorus in Helmstedt. Die aktuellen „Konfis“, erzählt Pfarrerin Birgit Rengel, hat das Schicksal der kleinen Schule auf der anderen Seite der Welt so bewegt, dass sie entschieden haben, ihre diesjährige Fest-Kollekte für das Projekt zu spenden. Organisationen oder Privatpersonen, die den Verein und damit den Erhalt der kleinen Dorfschule ebenfalls unterstützen möchten, finden weitere Informationen auf der Homepage des Vereins www.lovasoa.de.
Kathrin Peter-Sohr
Als Freie Redakteurin bereichert Kathrin Peter-Sohr das Team des HELMSTEDTER SONNTAG nicht nur schreibend, sondern zugleich "(be)lehrend": Als Volontärin eines früheren Helmstedter Anzeigenblattes zog sie aus in die große weite Welt. Nach über 20 Jahren als Lehrerin in Hamburg kehrte sie nun zu ihren beruflichen Wurzeln zurück nach Helmstedt. Sie erweckt sogar trockene Themen zu Leben und kennt sich mit Verwaltungsdeutsch bestens aus.
