Helmstedt. Ein abwechslungsreiches Programm mit Vorträgen, Ausstellungen und Bürgerfest feiert die wissenschaftliche Bedeutung der Stadt.
Alte Professorenhäuser, die ehemalige Collegienkirche am Markt, das Standbild des auf ewig dozierenden Universitätsgründers in der Neumärker Straße: Zahlreiche steinerne Zeugen und ein Duellplatz im Lappwald erzählen noch heute von der Helmstedter Universitätszeit, einer Zeit wissenschaftlicher Bedeutung und akademischer Pros-perität. Namen wie Giordano Bruno, Hermann Conring, Gottfried Christoph Beireis, Lorenz Heis-ter und Georg Calixt lassen sich auch über zwei Jahrhunderte nach Schließung der Academia Julia im Jahr 1810 an Häusern, Kirchen und auf Straßenschildern finden, sie erinnern an die illustren Helmstedter Theoretiker, die den Ruf von Stadt und Hochschule prägten.
Wissenschaftlicher Start in das Jubiläumsjahr
Mit einem Vortrag über einen ihrer vielleicht bedeutsamsten Gelehrten, Johann Lorenz von Mosheim (1693-1755), begann in der his-torischen Universitätsbibliothek das Festjahr zum 450. Gründungsjubiläum der Helmstedter Hochschule, der „Julia“. Die Theologin Dr. Sophia Farnbauer von der Philipps-Universität Marburg gab den Zuhörenden unter dem Motto „300 Jahre Aufklärungspredigt – Johann Lorenz von Mosheim als Prediger“ Einblicke in das Leben und Denken des späteren „Urvaters der pragmatischen Kirchengeschichtsschreibung“.
Revolutionäre Gedanken „made in Helmstedt“
Rationale Argumente, moderne Rhetorik und eine anschauliche Bildsprache verbanden sich in Mosheims Predigten mit der Ehrfurcht vor dem Unerklärlichen; das war in der Frühzeit der Aufklärung ein geradezu revolutionärer Ansatz. Gleichzeitig waren seine Predigten, genauso bahnbrechend, ein Medium, das dazu diente, genau diesen „neuen“, vernunftsorientierten Ansatz in Gesellschaft, Wissenschaft und Lehre zu verbreiten. Ein Ansatz, der Predigten zu intellektuellen Diskursen machte und sich später in Mosheims Methode der objektiven Kirchengeschichtsschreibung fortsetzte, die der metaphysischen Deutung historischer Ereignisse eine objektive Analyse menschlichen Handelns gegenüberstellte. Farnbauer zitiert in der besonderen Atmosphäre der ehemaligen Universitätsbibliothek aus Mosheims Predigten, diskutiert den wissenschaftlichen Ansatz, gibt Beispiele, spricht von der Wirkungsgeschichte in Bezug auf die deutsche Sprachentwicklung. Und holt, könnte man sagen, umgeben von alten Büchern und unter den Blicken hinter Glas gerahmter Gelehrter für knapp eine Stunde Helmstedts akademischen Glanz zurück in das Juleum, dorthin, wo einst sein Zentrum war.
Intellektuelle Glanzzeit prägt die Stadt bis heute
800 Immatrikulationen aus dem In- und Ausland hat es an der Helmstedter „Julia“ in den über 200 Jahren ihres Bestehens jährlich gegeben, 500 Professoren sind dem akademischen Ruf in den östlichsten Rand des Fürs-tentums Braunschweig gefolgt , und über 40.000 Studierende. Gelehrt wurden Rechtswissenschaft, Theologie, Philosophie und Medizin. Die Universität bestimmte Sozialstruktur, Wirtschaft und das kulturelles Leben. Spuren davon sind bis heute zu finden.
Buntes Festprogramm im Jubiläumsjahr
Die Universität Helmstedt, so ist es in alten Aufzeichnungen zu lesen, war „duellfreudig“, aber besonders in Adelskreisen“ in Mode, hier lebte, lehrte und studierte man gerne. Benannt nach ihrem Gründer, dem braunschweigischen Herzog Julius, war die „Julia“ nicht nur die drittgrößte Hochschule im deutschsprachigen Raum, sie galt auch als eine der bedeutsamsten protestantischen Bildungseinrichtungen im Alten Reich. Revolutionäre Ideen wie die Irenik, die Idee von der Aussöhnung zwischen den Konfessionen, sind hier entstanden. Diese intellektuelle Blütezeit, die bis heute die Identität und Kultur der Stadt Helmstedt prägt, wird im Jubiläumsjahr der Universitätsgründung mit zahlreichen Vorträgen, Ausstellungen und einem großen Bürgerfest am Sonnabend, 29. August 2026, gefeiert. Ausrichter ist der Landkreis, dem das Juleum gehört. Am Sonnabend, 17. Oktober 2026, schließt sich, fast auf den Tag genau 450 Jahre nach der feierlichen Eröffnung der Helmstedter Academia Julia im Jahr 1576, ein offizieller Festakt im Juleum an.
Kathrin Peter-Sohr
Als Freie Redakteurin bereichert Kathrin Peter-Sohr das Team des HELMSTEDTER SONNTAG nicht nur schreibend, sondern zugleich "(be)lehrend": Als Volontärin eines früheren Helmstedter Anzeigenblattes zog sie aus in die große weite Welt. Nach über 20 Jahren als Lehrerin in Hamburg kehrte sie nun zu ihren beruflichen Wurzeln zurück nach Helmstedt. Sie erweckt sogar trockene Themen zu Leben und kennt sich mit Verwaltungsdeutsch bestens aus.
