Helmstedt. Die Entwicklung des geplanten Gewerbe-und Industriegebietes A39/A2 geht trotz Protesten politisch weiter voran.

Vertretende der Kreis- und Kommunalpolitik befürworten, wie die aktuellen Sitzungen der zuständigen Ausschüsse in Königslutter und beim Landkreis Helmstedt in dieser Woche zeigten, nach wie vor mehrheitlich das inzwischen auf 82 Hektar geschrumpfte Gewerbegebiet am Autobahnkreuz A2/A39. Betroffene Anwohnende und Umweltschützende, unter ihnen die Bürgerinitiative „Gegenwind“ und die Kreisgruppe Helmstedt des BUND, hingegen äußerten und äußern massive Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Vorhabens. 

Protest von Anwohnenden und Umweltschützenden 

Kann der angestrebte Effekt, die Schaffung von bis zu 3.000 Arbeitsplätzen und die Generierung von Gewerbesteuer für die klammen Kassen der Stadt  Königslutter und des Landkreises Helmstedt überhaupt erfolgreich umgesetzt werden? Ist der Preis in Form von Lärmbelästigung für die Bewohnenden und zu erwartenden Schäden für die Umwelt, ungeachtet der dafür aufzubringenden Kosten („Auch Kohlemillionen sind Steuergelder“) nicht ohnehin viel zu hoch? Und, apropos Umwelt: Sind die bereits vor Erteilung der endgültigen Genehmigung notwendigen Mittel nicht verschwendet oder können, schlimmer noch, eine Art nicht mehr aufzuhaltende politische Fehlentwicklung nach sich ziehen?  Luchse, Rehe, Hasen und Kraniche leben auf der derzeit noch idyllischen grünen Wiese am Autobahnkreuz nordwestlich der Ortschaft Scheppau, es gibt besondere Pflanzenarten, Tierwanderwege, Nistplätze und kleine Moore. Karl-Friedrich Weber, Berater des BUND-Kreisgruppenvorstandes hatte das Vorhaben „Gewerbegebiet Scheppau) wegen der negativen Auswirkungen auf Flora und Fauna bereits im vergangenen Jahr als „uralte Politik“ kritisiert, eine Politik, mit der der Flächenverbrauch gefördert werde. Das sei „keinesfalls nachhaltig und sinnvoll“. Auch die inzwischen vorliegende Machbarkeitsstudie benennt die Naturräume auf dem Areal, die teilweise als schützenswerte FFH_ (Flora-Fauna-Habitat-) Flächen EU-Recht unterliegen, als Problem, allerdings als ein „lösbares“. 

Einwohnerfragestunde für Unmut genutzt

Kein Trost für Anwohnende aus Scheppau und den umliegenden Gemeinden, wie die zahlreichen Wortmeldungen im Rahmen der Einwohnerfragestunde bei der Sitzung des Ausschusses für Bau- und Umwelt am Mittwoch in Königslutter deutlich machten:  Wer in der Nähe lebt, befürchtet einen massiven Verlust an Lebensqualität. Grund sind   die möglichen Industrieansiedlungen mit täglichem 24/7-Betrieb inklusive Lärmbelästigung, Lichtverschmutzung und erhöhtem Verkehrsaufkommen. Gegen die Sorgen, unter die sich auch Gerüchte („Atommüll“) mischten, schienen auch die optimistischen Erklärungen von WRH-Prokuristen Christian Burgart nichts ausrichten zu können. Vetretende der Wirtschaftsregion Helmstedt (WRH), die das Projekt begleitet, umsetzt und, last but not least, für die Finanzierung durch Strukturhilfemittel sorgt, waren zu den Ausschusssizungen eingeladen, um den aktuellen Sachstand des Projekts zu präsentieren.

Sachstand des Projektes ist grundsätzlich „erfolgreich“

Und hatten durchaus Positives zu berichten, alle betroffenen Landbesitzenden, erklärte Burgart am Mittwoch in Königslutter, zeigten sich als Folge der mithin ausgetüftelten Individuallösungen inzwischen verkaufsbereit, für ein Drittel der geplanten Gewerbefläche seien bereits Interessenten gefunden. Und, ja, „umsetzbar“ auch die angestrebten wirtschaftlichen Ziele, zumal die Struktrurmittelkomissionen von Land und Bund inzwischen Zustimmung zur möglichen Förderung signalisiert hätten. Seine Kollegin Cassina Mönch bestätigte bei der Sitzung des nächsten zuständigen Gremiums, des Ausschusses für Wirtschaft und Strategie des Landkreises Helmstedt, das bisher erfolgreiche Resultat.  Die lokale Politik reagierte mit Blick auf die zu erwartenden positive Impulse („Immer Stillstand ist keine Lösung“), mal vorsichtig, mal überzeugt, in jedem Fall aber zustimmend. Mit großer Mehrheit befürworteten, ungeachtet der Zweifel und Widerstände, sowohl der Bau- und Umweltausschuss der Stadt Königslutter am Elm als auch Ausschuss für Wirtschaft und Strategie des Landkreises  Helmstedt, die „Weiterentwicklung des Industrie- und Gewerbegebiets A2/A39 in einer geeigneten organisatorischen Struktur. 

Kommunale Einnahmen und Wertschöpfung

Dazu soll im nächsten Schritt eine kommunale, Gesellschaft gegründet werden, an der die Stadt Königslutter am Elm und der Landkreis Helmstedt jeweils zur Hälfte beteiligt sind und ab dem aktuellen Haushaltsjahr jeweils 25.000 Euro jährlich für das Projekt zur Verfügung stellen. Gemeinsames Ziel bleibt die wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig zu stärken und die Voraussetzungen für zusätzliche Wertschöpfung, Beschäftigung und kommunale Einnahmen zu schaffen.  Und, wer weiß, so die mehrfach geäußerte Hoffnung, vielleicht wird das Gewerbegebiet Scheppau ja, Stichwort „Dachbegrünung“ letztlich doch noch ein wirtschaftlich attraktives „nachhaltiges Modellprojekt mit Vorbildcharakter“. Mithin: Die zwischenzeitlich angedachte Hybridnutzung durch Windkraft ist nicht realisierbar, zumindest nach derzeitigem Stand: Der potenzielle Betreiber ist wegen zu befürchtender Sicherheitsbedenken des Flughafens Braunschweig inzwischen abgesprungen.

Kathrin Peter-Sohr
+ posts

Als Freie Redakteurin bereichert Kathrin Peter-Sohr das Team des HELMSTEDTER SONNTAG nicht nur schreibend, sondern zugleich "(be)lehrend": Als Volontärin eines früheren Helmstedter Anzeigenblattes zog sie aus in die große weite Welt. Nach über 20 Jahren als Lehrerin in Hamburg kehrte sie nun zu ihren beruflichen Wurzeln zurück nach Helmstedt. Sie erweckt sogar trockene Themen zu Leben und kennt sich mit Verwaltungsdeutsch bestens aus.