Königslutter. Ein neuer Inhaber hatte viel vor mit dem einstigen Gasthof in Königslutters bester Lage, wurde aber durch Preissteigerungen ausgebremst.
„Schade, dass es bisher nicht so geklappt hat, wie der neue Besitzer es sich vorgestellt hat.“ Das sagt Königslutters Bürgermeis-ter Alexander Hoppe über einen vermeintlich „vergessenen Ort“ der Domstadt: den Gasthof „Zur Traube“. Dabei scheint es sich um einen ganz besonderen „Lost Place“ zu handeln, hat die „Traube“ doch sogar eine eigene Facebook-Seite. Nachdem Lars Brandt das Gebäude in der Lutterstraße Anfang 2022 ersteigert hatte, steckte der Braunschweiger voller Tatendrang. Auf der entsprechenden Facebookseite schrieb er am 16. Februar 2022: „Die Traube hat neue Besitzer gefunden und es wird hier viel gearbeitet. Da das Interesse steigt und über viele Kanäle Daten ausgetauscht werden, wollen wir das hier etwas bündeln. Wir werden in der Gruppe zum Projekt berichten und ihr könnt gerne Fotos etc. mit uns teilen.“ Die interessierten Mitlesenden erfuhren in den folgenden Wochen, was Lars Brandt sich für den ehemaligen Gasthof vorstellte: Im Erdgeschoss wollte er eine Versammlungsstätte schaffen, die Lutteraner Vereinen und Verbänden zur Verfügung stünde, während im Obergeschoss Wohnungen eingerichtet und vermietet werden sollten.
Erste Probleme traten auf
Es folgten offensichtliche Arbeiten, über die sich einige Lutteraner freuten. Aber schon früh traten Probleme auf, die Lars Brandt nicht verschwieg. So sei das Gebäude durch Wassereinbrüche stark in Mitleidenschaft gezogen worden, berichtete er. Einige Fachwerkbalken seien so durchweicht gewesen, dass sie einfach auseinanderbröselten. „Wir geben jetzt unser Bestes noch so viel wir möglich zu retten“, schrieb Brandt Mitte März. Im Juni 2022 postete er noch Bauzeichnungen von den künftigen Wohnungen und vom sanierten Gebäude. Aber am 15. September 2022 kam dann das vorzeitige Aus. „Da haben wir hier lange nicht geschrieben und jetzt müssen wir auch noch schlechte Nachrichten überbringen“, leitete Brandt ein und berichtete von massiven Kostensteigerungen in allen Bereichen sowie gestrichenen Förderungen. Sowohl die Sanierung des Altbaus als auch einen inzwischen in Erwägung gezogenen Abriss und Neubau sah er als nicht finanzierbar an zu diesem Zeitpunkt. Der letzte Post des Seitenbetreibers bei Facebook war am 28. November 2022 vielsagend: „Guten Abend! Weiß jemanden wie tief der Grundwasserspiegel in Königslutter liegt. Speziell würde es mich in der Nähe der Traube interessieren.“
Ukraine Krieg erschwerte Vorhaben
Seitdem herrscht auf der Seite Funkstille. Also hat der HELMSTEDTER SONNTAG Kontakt mit Lars Brandt aufgenommen, um zu erfahren, wie nach dreieinhalb Jahren der Sachstand ist. Er meint, dass es die falsche Zeit für ein solches Projekt war (am 24. Februar 2022 begann der russische Krieg in der Ukraine). „Es kam von einem Problem zum nächsten. Baukosten, dann Zinsen, dann Förderungen.“ Parallel habe er Architekten beziehungsweise Planer angefragt, die „aufgrund der aktuellen Lage“ so viel Geld wollten, dass ihm Zweifel kamen, beschreibt Brandt seine Gefühlslage. Zurückgezogen habe er sich aber eigentlich erst Mitte vergangenen Jahres, als er sich beruflich veränderte und durch seinen Neustart an Kreditwürdigkeit einbüßte, sodass er „für jede Bank erst einmal uninteressant“ geworden sei, so Brandt, der aber nach wie vor am Projekt Traube festhält. Wann und wie genau es weitergeht, vermag er allerdings zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu sagen. Königslutters Bürgermeister Alexander Hoppe bedauert natürlich, dass die Vision des Neuinhabers nicht „einfach funktioniert“ habe. Gleichzeitig ist er Brandt dankbar, dass er so lange alles versucht hat, die „Traube“ aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Anders als in Helmstedt steht der Stadt Königslutter aber keine Denkmalpflegestiftung oder ähnliches zur Verfügung, mit der sie dem Investor unter die Arme greifen könnte. Und auch sonst sieht Hoppe im gebeutelten Haushalt der Domstadt keine Handlungsmöglichkeiten. Ganz vorsichtig formuliert der Bürgermeister daher die Idee, das Gebäude weiterzuverkaufen an jemanden, der oder die „eine zündende Idee“ sowie einen gut gefüllten Geldbeutel mitbringt – ohne den jetzigen Inhaber kritisieren zu wollen…
Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit 30 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor 25 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.
