Helmstedt. Die Projektwoche des Vereins Grenzenlos thematisiert Zwangsaussiedlungen.

Die Welt des Eisernen Vorhangs, die das Helmstedter Zonengrenzmuseum zeigt, ist eine längst versunkene, doch sie hat nichts Nostalgisches, im Gegenteil. Alte Grenzzäune, Stacheldraht und der graue, verbeulte Koffer, in dem ein Kind in den Westen geschmuggelt wurde, machen die Unmenschlichkeit der deutschen Teilung auch für die begreifbar, die sie nur aus Büchern kennen. „Echte Einblicke in die Geschichte“: So beschreiben die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler der diesjährigen Projektwoche des Vereins Grenzenlos – Wege zum Nachbarn am Mittwoch ihre Erfahrungen. Drei intensive Tage an den ehemaligen Hotspots des Kalten Krieges liegen hinter ihnen, alle interessieren sich für die Vergangenheit, manche haben selbst Verwandtschaft im ehemaligen „Drüben“.   Besonders beeindruckt waren die Lernenden der neunten bis elften Klassse aus Niedersachsen und Hamburg vom Gespräch mit Zeitzeugin Inge Jakobs. 

Zwangsaussiedlungen waren Thema der Projektwoche

„Sondertransport – Ziel unbekannt. Zwangsaussiedlungen aus der DDR“ lautet das Thema der diesjährigen Projektwoche.  Eine Zeitzeugin sprach am Dienstag in der Gedenkstätte  Marienborn vom Schicksal ihrer aus dem Grenzort Böckwitz vertriebenen Familie. Am Mittwoch ist nach dem Rundgang durch das Zonengrenzmuseum Quellenrecherche angesagt. Zeitungen aus dem Jahr 1952, gebunden in Folianten, liegen auf dem Tisch und berichten aus „Westperspektive“ von dem, was damals mit den Menschen jenseits der Grenze geschehen ist.  Im Mai 1952 wurde vom DDR-Regime nicht nur die endgültige Abriegelung der bis dahin noch punktuell durchlässigen Demarkationslinie beschlossen. Beschlossen wurde auch, „unliebsame Elemente“ aus den Landstrichen zu entfernen, die bald Sperrgebiet werden sollten. Wie das wohl gewesen sein mag für die Betroffenen, die plötzlich, an einem Frühlingstag vor über 70 Jahren, von den Vertretern der Staatsmacht aufgefordert wurden, ihr Zuhause zu verlassen? Sechs Stunden Zeit hatten, ein ganzes Leben einzupacken, ohne zu wissen, wohin die wartenden Lastwagen sie bringen würden? Mit diesen Überlegungen beschäftigten sich die Seminarteilnehmenden am Donnerstag im St. Ludgeri Kloster. Unterstützt vom Dozententeam Dr. Oliver Schöndube, Holger Becker und Johann Voß entstand in spürbar kreativer Atmosphäre aus den gesammelten Eindrücken und Gedanken ein erstes Skript für die geplante Präsentation. Das Ergebnis, so viel sei verraten,   wird das damalige Unrecht als soundscapes – Klanglandschaften- in der Gegenwart spürbar machen.  Zu hören sind sie am Dienstag, 26. Mai 2026, um 15 Uhr bei der Gedenkstunde am Grenzdenkmal Hötensleben.

Kathrin Peter-Sohr
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Als Freie Redakteurin bereichert Kathrin Peter-Sohr das Team des HELMSTEDTER SONNTAG nicht nur schreibend, sondern zugleich "(be)lehrend": Als Volontärin eines früheren Helmstedter Anzeigenblattes zog sie aus in die große weite Welt. Nach über 20 Jahren als Lehrerin in Hamburg kehrte sie nun zu ihren beruflichen Wurzeln zurück nach Helmstedt. Sie erweckt sogar trockene Themen zu Leben und kennt sich mit Verwaltungsdeutsch bestens aus.