Hötensleben. Die Saison startet so richtig. Mit der Eröffnung des Freibades Lutterwelle in Königslutter an Sonnabend, 30. Mai 2026, sind alle Badeeinrichtungen unter freiem Himmel im Landkreis Helmstedt für Gäste da.
Als ehemaliger politischer Häftling weiß Toralf Steinforth, der Bundesvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Stalinismus (VOS), aus eigener Erfahrung, wie es war, in der DDR zu Unrecht gedemütigt zu werden. Als er bei der Gedenkstunde für die Opfer des Grenzregimes der DDR am Dienstag am Grenzdenkmal in Hötensleben sprach, zeigte er aber Mitgefühl für andere. Genau jener, der durch seine Verhaftung gefügig gemacht werden sollte und 1987 von der BRD freigekauft wurde, stellte sein Schicksal in den Hintergrund – zugunsten jener Menschen, die zwangsausgesiedelt wurden. Der vor allem in Thüringen als „Aktion Ungeziefer“ bezeichnete, angeordnete Umzug von Menschen in Grenzregionen brachte schlimme Schicksale mit sich. Steinforth erinnerte beispielsweise an ein junges Paar, das sich aus Verzweiflung selbst das Leben nahm, nachdem das SED-Regime am 26. Mai 1952 die komplette Abriegelung der zuvor noch durchgängigen Grenze angeordnet hatte und die ersten Bewohnerinnen und Bewohner grenznaher Gebiete „weggebracht“ wurden. Intensiv mit dem Thema der Zwangsaussiedlungen befasst hatten sich 15 Schülerinnen und Schüler aus Helmstedt, Schöningen und Hannover in der Projektwoche „‘Sondertransport. Ziel unbekannt‘. Zwangsaussiedlungen in der DDR“ des Vereins Helmstedt Grenzenlos – Wege zum Nachbarn (wir berichteten). Das Ergebnis ihrer Arbeit – eine Soundszene – präsentierten fünf Jugendliche am Grenzdenkmal Hötensleben. Sie hatten recherchiert, dass vom 26. Mai 1952 bis Ende 1961 über 11.500 Menschen aus dem DDR-Sperrgebiet zwangsausgesiedelt wurden. In Hötensleben berichtete auch der Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Johannes Beleites, in seiner Gedenkrede von einigen Schicksalen im geteilten Europa „vom Nordkap bis zur Adria“. Allein in Sachsen-Anhalt waren 2.200 Personen von Zwangsaussiedlungen betroffen.
Eine Begegnung, die in Erinnerung bleibt
Dass das häufig in „Nacht-und-Nebel-Aktionen“ geschah, bei denen die Betroffenen aus dem Nichts zum Packen aufgefordert und innerhalb weniger Stunden abgeführt wurden – egal, ob sie gebrechlich, minderjährig, schwanger oder behindert waren -, darauf machte die Soundszene der Schülerinnen und Schüler berührend aufmerksam. Die Begegnung mit der Zeitzeugin Inge Jacobs hatte bei den Jugendlichen einen starken, bleibenden und an Mimik und Ges-tik der Vortragenden erkennbaren Eindruck hinterlassen. Den Wortbeiträgen folgte eine Kranzniederlegung direkt an der Mauer in Hötensleben. Um die musikalische Umrahmung der Gedenkstunde kümmerte sich der Posaunenchor der St. Stephani-Gemeinde Helmstedt unter der Leitung des Propsteikantors Mathias Michaely. In einem abschließenden „Café der Begegnung“ wurden auf dem Festplatz gegenüber des Grenzdenkmals weitere Gedanken ausgetauscht. Die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, der Grenzdenkmalverein Hötensleben und der Verein Grenzenlos – Wege zum Nachbarn laden jährlich am 26. Mai gemeinsam zum Gedenken an alle Menschen ein, die durch das Grenzregime der DDR ihre Heimat verloren haben, die Leid und Unrecht erfuhren oder getötet wurden.
Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit 30 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor 25 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.
