Büddenstedt. Die Glocken aus der St. Barbara-Kirche Büddenstedt „flogen“ in ihr neues Zuhause.

Da staunten selbst die Tauben nicht schlecht: Als am Dienstagmittag der Turm der St. Barbara-Kirche in Büddenstedt geöffnet wurde, schwebten die drei großen Bronzeglocken aus ihrem jahrzehntelangen Zuhause ins Freie und flogen, gut gesichert an Kran und Seilen, auf Augenhöhe an den Stammgästen des Kirchturms vorbei. Die St. Barbara-Kirche war über Jahrzehnte geistliche Heimat, Ort für Taufen, Trauungen und Abschiede. Doch der Rückgang der Gemeindemitglieder und die Neuordnung der pastoralen Räume führten 2024 schließlich zur Profanierung: Die Kirche wurde entwidmet, das Gebäude bald abgerissen, das Grundstück künftig neu bebaut.​

Was soll mit den Glocken geschehen?

Mit dem Ende der Gottesdienste stellte sich die Frage: Was geschieht mit den Glocken im Turm? Schnell war klar, dass sie zu wertvoll sind, um in einem Abrissbagger zu enden. So rückten sie in den Mittelpunkt einer Geschichte, die weit über Büddenstedt hinausreicht und bis in die ehemaligen deutschen Ostgebiete zurückführt.​

Die drei Bronzeglocken stammen ursprünglich aus Pfarrkirchen im heutigen Polen: aus Oppersdorf und Kalkau im damaligen Kreis Neisse sowie aus Hohenlieben im Kreis Gleiwitz. Während des Zweiten Weltkriegs wurden im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten massenhaft Kirchenglocken beschlagnahmt, um aus dem Metall Kriegsgerät zu fertigen; auch die schlesischen Glocken mussten dafür abgenommen und auf so genannte „Glockenfriedhöfe“ gebracht werden.​ Viele dieser Glocken wurden eingeschmolzen, doch einige, darunter die späteren Büddenstedter, überstanden den Krieg und wurden nach 1945 an neue, bedürftige Gemeinden ausgeliehen. Auf diesem Weg fanden die Glocken schließlich ihre Heimat im Turm von St. Barbara.  Heute gelten sie juristisch als Bundeseigentum, verliehen an die Pfarrei St. Marien in Schöningen, zu der St. Barbara gehört. Diese Pfarrei verleiht sie nun im Rahmen eines Unterleihvertrags weiter an St. Ludgeri in Helmstedt.​

Rechtliche und kirchliche Fragen mussten vor einem Umzug geklärt werden

Bevor allerdings auch nur eine Schraube am Glockenjoch gelöst werden konnte, musste eine ganze Reihe rechtlicher und kirchlicher Fragen geklärt werden. Ein Glockensachverständiger prüfte im Frühjahr 2024 zunächst, ob eine Übernahme nach Helmstedt technisch überhaupt möglich ist, ob das Geläut klanglich zu St. Ludgeri passt und kam zu einem überraschend positiven Ergebnis: Die Tonfolge aus Büddenstedt harmoniert nahezu ideal mit dem Bedarf in Helmstedt. Ein Glücksfall, den Pfarrer Thomas Jung, der sich maßgeblich für die Überführung einsetzte, augenzwinkernd als „göttliche Fügung“ bezeichnete.​ Parallel dazu wurden die Ursprungsorte der Glocken recherchiert und Kontakt zu den betroffenen polnischen Diözesen aufgenommen.  Die Pfarrer vor Ort zeigten sich offen oder sahen keine Möglichkeit, die Glocken zurückzunehmen. Über das katholische Büro in Berlin kam zudem das Bundesinnenministerium ins Spiel, das bestätigte: Glocken, die einst im Deutschen Reich beschlagnahmt wurden, sind als ehemaliges Reichs- und heutiges Bundeseigentum rechtlich abgesichert; einer Nutzung in St. Ludgeri stehen keine Bedenken im Wege.​

Viele Emotionen schwungen am Umzugstag mit

Am Überführungstag zeigte sich dann eine fast nüchterne Choreografie, die dennoch Emotionen weckte. Die Fachleute der Firma Beck aus Thüringen, seit den frühen 1990er Jahren auf Glocken und Turmuhren spezialisiert, rückten am Vormittag an. Zunächst wurde der Turm geöffnet, dann begann mit schwerem Gerät die eigentliche Entnahme: Jede Glocke wurde behutsam aus der Turmöffnung gehoben und langsam zu Boden gelassen.  Der dumpfe Nachhall des Metalls, das Ächzen der Seile, die konzentrierten Gesichter der Monteure und dazwischen die Menschen aus Büddenstedt, die mit gemischten Gefühlen zusahen, wie „ihre“ Glocken den Kirch-platz zum ersten und letzten Mal von außen erlebten.​ Während die Tauben sich neu sortierten und über der Szene kreisten, rollten die Glocken in Richtung Helmstedt. Kein pompöser Abschied, eher ein stilles Hinübergleiten in eine andere Kirchengeschichte. Die Kirche mag verschwinden, der Klang bleibt.​

Bei Advent unterm Kirchturm, können Glocken bestaunt werden

In Helmstedt werden die Glocken in den Passhof des Klosters St. Ludgerus zwischengelagert, ehe sie ihr neues Zuhause voraussichtlich im Frühjahr 2026 beziehen. Schon bevor die neuen-alten Glocken das erste Mal in Helmstedt erklingen, spielen sie im Gemeindeleben eine sichtbare Rolle. Am Sonntag, 30. November 2025, lädt die katholische Kirchengemeinde St. Ludgeri zum „Advent unterm Kirchturm“ in den Passhof ein. Nach der Heiligen Messe um 14 Uhr warten dort heiße und kalte Getränke, herzhafte Speisen, Kuchen, Adventsstände, Stockbrot am Feuer und eine Kloster-Schatzsuche; Bläserensemble und Kita-Chor sorgen für Musik, eine Tombola lockt mit Preisen. Der Erlös des Nachmittags kommt dem Projekt „Neue Glocken für St. Ludgeri“ zugute und damit den Büddenstedter Glocken, die gleich nebenan auf ihren Einzug in den Turm warten.​..

Redakteurin at Helmstedter Sonntag | Website | + posts

Die 1998 in Wolfsburg geborene Shirin-Sophie Porsiel, aktuelle Redakteurin des HELMSTEDTER SONNTAG, mag schnelle, laute Musik auf der einen und entspanntes Wandern in der ruhigen Natur auf der anderen Seite. Ein Widerspruch? Keinesfalls. So sorgt sie für Ausgeglichenheit in ihrer Freizeit. Sie ist offen für einen bunten Strauß an Themen, was sie für die schreibende Zunft geradezu prädestiniert.