Marienborn. Symbolische Zeitzeugnisse von Fred Woitkes Schicksal in Marienborn ausgestellt.
Ein zerschossener Sozialversicherungsausweis, eine gefälschte Sterbeurkunde, das Foto eines Begräbnisses: Diese „stummen Zeitzeugen“ erinnern in der ehemaligen Grenzübergangsstelle Marienborn an das Schicksal eines jungen Mannes namens Fred Woitke. Auf einem Tisch im Ausstellungsraum liegen die Dokumente bei der Gedenkstunde am Montag, längst verblasste Relikte einer dunklen Zeit. Von der DDR ausgestellte und bei der Flucht beschädigte Personalpapiere, sie sind symbolisch für Woitkes Tragödie und die von etwa 1.000 weiteren Personen, die an der innerdeutschen Grenze ihren Wunsch nach Freiheit mit dem Leben bezahlten. „Vorfälle“ hießen diese gewaltsamen Tode gleichermaßen sachlich und menschenverachtend im Jargon der SED-Diktatur.
Eine schicksalshafte Nacht
Fred Woitke, nach dem seit September der Helmstedter Bahnhofsvorplatz benannt ist (wir berichteten), war ein 23-jähriger Familienvater aus Eisenhüttenstadt. Seine Entscheidung, sich nicht länger einsperren zu lassen, endete genau hier, am ehemaligen Grenzübergang Marienborn, mit seinem Tod. Mehr als 100 Schüsse sollen gefallen sein in dieser nieseligen Aprilnacht 1973, als der Tischler und Hobbymusiker zusammen mit zwei Kollegen versuchte, die Grenze in einem umgebauten LKW Richtung Helmstedt zu überwinden. Ein Modell der damals von den Grenzbeamten ausgelösten „Rollsperre“ ist noch immer vor den Fenstern der Gedenkstätte zu sehen, grauer Schnee verdeckt an diesem Nachmittag den gnadenlosen Mechanismus. Die bedrückende Vergangenheit aber ist präsent, symbolisiert durch die letzten physischen Besitztümer von Fred Woitke: seine Papiere. „Das Allernötigste“ nur hatte er dabei, um die mit der Flucht verbundene Hoffnung wahr werden zu lassen, sagt Gedenkstellenleiter Dr. Kai Langner in seiner Begrüßungsrede vor etwa 20 Zuhörenden, unter ihnen Manon Metzler vom niedersächsischen Ministerium für Inneres. Heute seien die Dokumente Zeichen der Trauer, die greifbare Erinnerung an „eine grausame Brutalität der Geschichte“.
Umbenennung des Bahnhofsvorplatzes initiiert
„Marienborn“, ergänzt Zeitzeuge Michael Teupel, der die Umbenennung des Helmstedter Bahnhofsplatzes initiiert und auch diese lange verloren geglaubten Stücke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, Marienborn sei vor der willkürlichen Grenzziehung nicht mehr als ein Punkt auf der Landkarte gewesen. Für Freddy aber, wie er Woitke, den eigentlich Fremden, inzwischen freundschaftlich nennt, für Freddy seien genau hier seine Träume infolge einer „von Menschen gemachten Tragödie zum Ende seines Lebens“. geworden. Im Internet sind auch an diesem Tag und zu diesem Thema die allgegenwärtigen Hasskommentare zu lesen, „selbst schuld“ ist noch einer der harmloseren. Ja, das sei beängstigend, sagen die Initiatoren der Gedenkstunde, ein umso größeres Engagement erfordere es, „der aktuellen Welle der Diktaturverharmlosung immer aufs Neue etwas entgegenzusetzen.“ Michael Teupel, der seinen Fluchtversuch aus der DDR überlebt hat und sich seitdem als Zeitzeuge engagiert, empfindet für Fred Woitke und die anderen Opfer der Grenze, sagt er, „eine tiefe persönliche Verbundenheit“. Ihr Schicksal, das ist ihm schmerzlich bewusst, hätte auch seines sein können in einem Land, das seine Bürger eingesperrt, bespitzelt, mit Gewalt verfolgt und getötet hat. Jeden Morgen, schreibt Teupel auf Nachfrage, sehe er als ers-tes die Bilder all derer, die ihr Wunsch nach einer Zukunft ohne Diktatur das Leben gekostet hat. Und das sei es, was ihm die Kraft und die Motivation für seine unermüdliche ehrenamtliche Arbeit gegen das Vergessen gebe. Denn, dass die Freiheit, für die sie alle einen so hohen Preis bezahlt haben, keine Selbstverständlichkeit ist, das weiß Michael Teupel aus eigener bitterer Erfahrung.
Kathrin Peter-Sohr
Als Freie Redakteurin bereichert Kathrin Peter-Sohr das Team des HELMSTEDTER SONNTAG nicht nur schreibend, sondern zugleich "(be)lehrend": Als Volontärin eines früheren Helmstedter Anzeigenblattes zog sie aus in die große weite Welt. Nach über 20 Jahren als Lehrerin in Hamburg kehrte sie nun zu ihren beruflichen Wurzeln zurück nach Helmstedt. Sie erweckt sogar trockene Themen zu Leben und kennt sich mit Verwaltungsdeutsch bestens aus.
