Helmstedt. Beim Verein „Wilde Möhre“ hat ein kleiner Generationenwechsel stattgefunden: Die neuen Akteure wollen mehr in die Öffentlichkeit treten.
Als der Verein „Wilde Möhre“ durchstartete und einen kleinen Laden im 800-Seelen-Dorf Barmke eröffnete, war das im Jahr 1991 eine Besonderheit. Denn im Geschäft gleich neben der Kirche wurden ausschließlich Bio-Lebensmittel verkauft. Die waren Anfang der 1990er Jahre selten, wenn nicht sogar exklusiv. Auch wenn die „Wilde Möhre“ in Barmke nach 35 Jahren weiterhin ein Mitgliederladen ist und bleibt, so will das verjüngte Team, das dahinter steht, doch weg von einem wahrgenommenen Club-Dasein und vom vermeintlich „exklusiven“ Eindruck. Denn heutzutage sind Bio-Lebensmittel sowie regionale Angebote selbstverständlich.
Bio-Lebensmittel in Barmke günstiger zu haben
Petra Oppe, eine der „altgedienten“ Ehrenamtlichen des Vereins „Wilde Möhre“, denkt an die Anfangsjahre zurück: „Zu Beginn der 90er Jahre waren viele Familien bei uns Mitglied, die sich und ihre Kinder gesund ernähren wollten, sich ein Reformhaus aber nicht leisten konnten.“ Da die „Wilde Möhre“ dank der Mitglieder-Regelung nur sehr geringe Aufschläge auf die Waren nehmen muss, waren und sind Bio-Lebensmittel in Barmke günstiger zu haben. Hauptlieferant der Bio-Lebensmittel ist „Naturkost Elkershausen“. Das Angebot wird von Produkten regionaler Lieferanten ergänzt: Freitags gibt es frischer Backwaren der Vollkornbäckerei und Konditorei Sartorius aus Schöningen, der Honig stammt vom Frellstedter Imker Lüer, Eier und Wildfleisch kommen von den Löhmanns aus Süpplingen und die Arbeitsgemeinschaft Streuobst aus Königslutter beliefert die Barmker saisonal mit Fruchtsäften. So wurde das Modell zum Erfolg.
„Anderen Menschen begegnen“
Dass es Bio- und regionale Artikel mittlerweile in fast allen Supermärkten zu kaufen gibt, sieht einer der „jungen Wilden“, André Mollenhauer, nicht als Hindernis, den kleinen Laden in Barmke weiter am Laufen zu halten. „Viele Strukturen sind in den vergangenen Jahren weggebrochen. Wir bieten nicht nur die Möglichkeit, etwas einzukaufen, sondern vor allem, anderen Menschen zu begegnen.“ Die „Wilde Möhre“ verstehen auch Nina Gerlach und Lisa Wiermann, die ehrenamtlich im Laden arbeiten, als Treffpunkt und vergleichen sie mit einem Tante Emma-Laden. In der Nachkriegszeit boomten solche kleinen Einzelhandelsgeschäfte auch, weil es beim Einkaufen immer etwas Neues aus dem Dorf zu erfahren oder zu berichten gab. „Wir möchten solche Begegnungen wieder möglich machen, sind aber natürlich nicht nur für die Barmkerinnen und Barmker da“, sagt André Mollenhauer und Petra Oppe ergänzt: „Auf die familiäre Atmosphäre legen wir großen Wert.“ Das bedingt sich natürlich dadurch, dass es sich um einen Mitgliederladen handelt. Träger ist der gleichnamige eingetragene Verein, der sich für gesundes Leben und die ökologische Gewinnung von Lebensmitteln einsetzt.
Zum Probeeinkauf sind alle willkommen
Zu einem Probeeinkauf sind auch Nichtmitglieder immer willkommen. Geöffnet ist das Geschäft, das in der ehemaligen Milchkammer des Biobauern Herwig Mollenhauer seine Heimat gefunden hat, dienstags von 17 bis 19 Uhr und freitags von 16 bis 18 Uhr. Nachdem die langjährige Angestellte des Vereins, Doris Doil, im vergangenen Jahr in den wohlverdienten Ruhestand gegangen ist, hat sich der Verein umstrukturiert und ein neues Konzept erstellt, in dem junge Teams zu den Öffnungszeiten hinter dem Verkaufstresen stehen. Gleichzeitig wurde der Vorstand verjüngt. Ihm gehören nicht nur Petra Oppe und André Mollenhauer, sondern zudem Leon Oppe, Lisa Wiermann, Heike Schnabel sowie Matthias Lühr an. Und weil die „Wilde Möhre“ in diesem Jahr 35-jähriges Jubiläum feiert, hat sich das Team einiges ausgedacht. Beispielsweise soll am Sonnabend, 20. Juni, eine Dorfrallye veranstaltet werden, um die Menschen im Dorf zusammenzubringen und den Verein sowie den Laden ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Für Barmkerinnen und Barmker gibt es darüber hinaus eine weitere Besonderheit: Alle 1991 geborenen Dorfbewohnenden können im Geschäft vorbeischauen und sich einen 35 Euro-Einkaufsgutschein abholen.
Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit 30 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor 25 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.
