Schöningen. Die Speer-Fundstelle ist auf dem besten Weg UNESCO-Welterbestätte zu werden.

„Jeder Mensch in Südkorea kennt Schöningen.“ Mit dieser tollkühn wirkenden Aussage überraschte Dr. Henning Haßmann die Mitglieder des Ausschusses für Wirtschaft und Stadtentwicklung der Stadt Schöningen. Aber er begründete die Aussage sogleich: Asiatische Reisegruppen richten sich bei ihren Zielen danach, wo Welterbestätten der UNESCO zu finden sind. Offenbar verknüpfen sie mit solchen Orten echte Erlebnisse, hautnah zu erlebende Geschichte und nachzuspürende Erzählungen. Diese versprechen ihnen Orte wie der Taj Mahal in Indien, die Chinesische Mauer, die Pyramiden von Gizeh in Ägypten, der Yellowstone-Nationalpark in den USA, der Kölner Dom oder eben die Ausgrabungen im Schöninger Tagebau.

Bislang keine Welterbestätte 

Nun ist Schöningen keine Welterbestätte. Noch nicht. Denn   der Fundort der Speere, beziehungsweise der vor 300.000 Jahren im inzwischen ausgekohlten Tagebau existierende „Schöninger See“, ist auf dem besten Weg dorthin. Davon ist nicht nur Landesarchäologe Dr. Henning Haßmann, sondern auch der Welterbereferent Dr. Dirk Leder überzeugt. Die beiden Vertreter des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege gaben dem städtischen Ausschuss am Mittwoch einen Sachstandsbericht zur UNESCO-Anerkennung der Stadt der Speere. Deutlich wurde zunächst, dass es sich um ein sehr aufwändiges Verfahren handelt. Angegangen wurde das Thema in Schöningen am dritten Jahrestag des Forschungsmuseums vor zehn Jahren. 

Mehrere Hürden bereits genommen

„Nun ist es an der Zeit, auch der internationalen Bedeutung des Fundplatzes Schöningen mit den ältesten erhaltenen Jagdwaffen für das Kulturerbe der Menschheit stärker Rechnung zu tragen“, sagte der seinerzeitige Schöninger Bürgermeister Henry Bäsecke, heute als Ratsmitglied Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Stadtentwicklung, und kündigte 2016 an: „Die Stadt der Speere startet nun eine Initiative zur Anerkennung des altsteinzeitlichen Fundplatzes als UNESCO-Weltkulturerbe.“ Von dem Zeitpunkt an wurden mehrere Hürden genommen, die Dr. Haßmann und Dr. Leder nachzeichneten. Zunächst musste das Land Niedersachsen den Speere-Fundort vorschlagen, die Bundesrepublik diesen Vorschlag anerkennen und wiederum der UNESCO vorschlagen. Dass Schöningen inzwischen auf der so genannten Tentaitivliste der UNESCO eingetragen ist, werteten sie als gutes Zeichen. Im Sommer 2030 könnten die Champagnerkorken knallen, wenn die UNESCO-Anerkennung „durch“ sei und der Schöninger See eine Welterbestätte ist. Damit würde eine wirklich alte Stätte in den Reigen der 1.250 vorhandenen in 170 Ländern, die meistens aus dem Mittelalter oder der Neuzeit stammen, dazustoßen. Alles spreche dafür, dass das ehrgeizige Projekt gelingt, vermittelten die Archäologen und überzeugten die Ausschussmitglieder ebenso wie die Zuhörenden. Viele werden auf dem Heimweg vom UNESCO-Landschaftspark Helmstedter Revier geträumt haben, der im einstigen Tagebau „auferstehen“ soll. 

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Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit 30 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor 25 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.