Im Monatsthema des Dezember 2020 geht es um die verschiedenen Auffassungen der Zeit. Warum verrinnt sie einerseits so schnell, während manchmal die Sekunden zu stehen scheinen?

Teil I: Wankelmütig und phlegmatisch: Wie lässt sich etwas begreifen, was offenbar gar nicht so genau weiß, was es will? 

(erschienen am 6. Dezember 2020)

Kinder, wo ist die Zeit geblieben? Der Blick auf den Kalender trügt nicht. Schon wieder ist ein Jahr fast vorbei. Und wie üblich zu Beginn der Weihnachtszeit steht die Frage im Raum, wie es möglich sein kann, dass die vergangenen elf Monate dermaßen schnell und zumindest rückbli-ckend vermeintlich fast unbemerkt an einem vorbei rasen konnten. 

Ja, die Zeit… Sie rast zu Zeiten, nur um im nächsten Augenblick scheinbar still zu stehen. Dabei, und das ist das einzig Sichere, bleibt sie ungeachtet der individuellen Empfindungen stetig in Bewegung. Und zwar in nur eine Richtung – eindeutig unumkehrbar nach vorne, an dem Erlebten und an den Erlebten vorbei, die der Zeit immer hinterher zu hetzten scheinen. 

Unschwer zu erkennen: das Monatsthema des HELMSTEDTER SONNTAG dreht sich um die Zeit, um deren Definition, die Frage, was das eigentlich ist, die Zeit; aber auch um die Frage, was Zeit mit dem Alter macht und umgekehrt und letztendlich, wie die Corona-Pandemie, insbesondere der Lockdown, das Zeitempfinden aller beeinflusst hat.

Die Zeit bleibt ein Mysterium

Wenn es einen Oberbegriff gibt, der die Menschen von Beginn an in ihren Bann gezogen hat, dann ist es das Thema Zeit. Vielleicht lassen sich das große Interesse und demnach auch die unzähligen kläglichen Versuche, die Zeit zu (be)greifen, mit dem Fakt erklären, dass das Rätsel rund um die Zeit bislang von keinem erforscht werden konnte. Allen voran die Fragen, wie viel Zeit jedem von uns gegeben ist und wie wir diese bestenfalls sinnvoll nutzen können, ließ selbst die größten Philosophen unsicher zurück – von einigen wenigen schwammigen Allgemeingültigkeiten aus etlichen Zitatesammlungen abgesehen. 

Die Zeit bleibt ein Mysterium, an dem sich selbst Physiker und Mediziner die Zähne auszubeißen scheinen. Entsprechend heiß geliebt ist das Thema seit jeher von der Unterhaltungsindustrie. Von Autoren in endlosen Buchbänden thematisiert, von Sängern beschwört und von Regisseuren für Filme der unterschiedlichen Genres benutzt, ist garantiert, dass die Zeit fest im Unterbewusstsein verankert bleibt. 

Definieren lässt sich nur ein Vorher und ein Nachher

Denn auch wenn sich die Physik einig ist: Die Zeit ist als eine physikalische Größe berechenbar und eine als eine Abfolge von Ereignissen klar definierte Dimension. Neben den drei räumlichen Dimensionen Oben und Unten, Links und Rechts sowie Vorne und Hinten beschreiben theoretische Physik und Mathematik mit der zeitlichen, der vierten Dimension, der so genannten Raumzeit, die Dauer eines Objekts. 

Joachim Schulz erklärt in seinem „Relativitätsprinzip“ die vierte Dimension wie folgt: „Man kann sich die ganze Entwicklung eines Menschen vom Säugling bis zum Greis als ein Objekt in einer vierdimensionalen Raumzeit aus Raum- und Zeitkoordinaten vorstellen. Ein bestimmter Zeitpunkt im Leben dieses Menschen ist dann ein Schnitt durch diese Raumzeit bei einer bestimmten Zeitkoordinate.“

Dieser Punkt dann ließe sich also beliebig und dennoch exakt berechnen. Andere Forscher halten jedoch dagegen, dass die Zeit selbst immer nur für ein Jetzt stehen könne. Definieren lasse sich lediglich das Vorher und Nachher, niemals aber die Zeit selbst. Und wäre dies nicht schon verwirrend genug, weiß die Zeit offenbar selbst nie so genau, was sie eigentlich will. So kann sie sowohl wie im Flug vergehen als sich auch in anderen Augenbli-cken dehnen oder gar nicht von der Stelle kommen. 

Bei dieser Mischung aus Wankelmütigkeit und zeitgleicher Gleichgültigkeit fällt ein gelassener Umgang ziemlich schwer. 

Wie lässt sich also die Zeit (aus)nutzen und für sich gewinnen? Lässt sich Gelassenheit und Achtsamkeit trotz steigender Alltagshektik trainieren? 

 


 

Teil II:Wie Corona sogar das Zeitgefühl infiziert hat

(erschienen am 13. Dezember 2020)

Es ist im März dieses Jahres, als die Zeit still steht. Noch zum Monatsanfang sieht die Situation überschaubar aus – Corona, das ist nur ein Virus, das so schnell wieder weg ist, wie es aufzukommen schien. Immerhin: Das Robert Koch-Institut stuft die Risikobewertung für die Gesundheit der Bevölkerung auf „mäßig“ hoch.

Doch dann geht alles irrsinnig schnell; die Weltgesundheitsorganisation ordnet den Covid-19-Ausbruch als Pandemie ein. Erste Großveranstaltungen werden abgesagt, dann grundsätzlich verboten. Niedersachsen schließt als eines der ersten Bundesländer ab dem 16. März alle Schulen und Kindertageseinrichtungen, es folgt eine flächendeckende Schließung aller Geschäfte mit Ausnahme von Lebensmittelmärkten. Nachbarländer machen die Grenzen dicht, der Tourismus erliegt, es gilt, soziale Aktivitäten auf ein Minimum zu reduzieren.   

Die Zeit stand still. Das war vor ziemlich genau acht Monaten. Und während sich die ersten zwei Monate des harten Lockdowns ins Unendliche zogen, war es dann doch plötzlich Sommer. Rückwirkend ist es trotz der unglaublich vielen Ereignisse, die einen in einen Krisenzustand versetzt haben, schwer zu rekonstruieren, was genau wann passiert ist und wie man diese verrückte Zeit hinter sich gebracht hat. 

„Wenn wir in einem Jahr auf diese Zeit zurückblicken, werden wir sagen Was, nur drei Monate?“, prophezeite die Wissenschaftlerin Isabell Winkler im Mai dieses Jahres in einem Gespräch zum Thema „Was die Corona-Krise mit unserem Zeitgefühl macht“, welches sie für die Partnerseite von Zeit online, ze.tt, mit der Autorin Dr. Gunda Windmüller führte. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Technischen Universität Chemnitz setzte aber nach, dass sich diese Art von positiver Zeitkorrektur nur dann einstellen könne, wenn die strengen Social-Distancing-Maßnahmen nicht wieder kämen. Weil sie dann von anderen Erfahrungen überlagert werden könnten; die Zeit des Wartens – gerade diese wird, das kann jeder aus eigener Warnehmung heraus bestätigen, immer als besonders zäh und lang empfunden -, die einen um so quälender vorkommt, desto unbekannter die Situation ist. 

Winkler erklärt das subjektive Zeitempfinden mit einem inneren Taktgeber: „Die Aufmerksamkeit bestimmt, wie viele Takte wir mitbekommen.“ 

Ergo: Sind wir abgelenkt, befinden wir uns in einem Trott, überhören wir die innere Uhr. Nicht aber im Modus des Wartens. Ohne Ablenkung kommen einem die Minuten bis zum Eintreffen des Busses weitaus länger vor, als wären wir beschäftigt. 

Was aber, wenn wir nicht wissen, wann der Bus kommt oder ob er überhaupt noch kommt? Dann befinden wir uns zusätzlich zum Warten in einer uns unbekannten Situation, die dazu zwingt, der inneren Uhr mehr Aufmerksamkeit zu geben. Damit wird die neue Erfahrung in allen Details besser wahrgenommen und gespeichert. Aus Sicht des Gehirns ist das clever, weil so Kontrolle aufgebaut werden kann, für den „Gefangenen“ der Situation jedoch gefühlt fast unerträglich. 

Entsprechend kommt vielen der zweite, wenn auch mildere Lockdown weitaus schlimmer als der erste vor. Die Erinnerung an das Erlebte – auch wenn das Zeitempfinden rückwirkend trügt – lässt sich nicht austricksen.  

 


 

Teil III: Wieso vergeht die Zeit schneller, je älter wir werden?

(erschienen am 20. Dezember 2020)

„Der Heilige Abend ist wohl der längste Tag im ganzen Jahr, jedenfalls der Vormittag. Diese Stunden, in denen man nur so herumsitzt und wartet und wartet, die sind es, von denen man grauhaarig wird“, ließ Astrid Lindgren ihren Lasse in „Die Kinder aus Büllerbü“ sagen. 

Dieser Aussage würden wohl alle Kinder dieser Welt zustimmen. Wohingegen die Erwachsenen dieses Warten als schwache Erinnerung nachvollziehen können, sie aber Gegenteiliges über die Stunden bis zur Beschereung sagen würden. Für die meisten hat der Tag an Heiligabend nicht genug Stunden, weil zu viel noch zu erledigen wäre. 

Wieder anders die Generation 60plus: obwohl diese großen Ereignissen eher gelassen entgegen sehen, sie also nicht in Zeitnot sind, wird das Warten auf eben diese als alles andere als lang empfunden. 

Warum ist das so? Je älter wir werden, desto schneller scheint die Zeit zu vergehen, Wochen vermischen sich im Strudel der zurückblickenden Geschehnisse zu Stunden und Tage verschwinden ganz. Ist das alles nur Einbildung oder gibt es für das individuelle Zeitempfinden fundierte Gründe? 

Der Philosoph Seneca sah in der Zeit das höchste aller Güter. Je mehr die dem Mensch zur Verfügung stehende Zeit vergeudet werde, umso kürzer sei das tatsächliche Leben. Ähnlich wie in dem Film „In Time“, in dem die Wirtschaftswährung durch Lebenszeit ersetzt wurde, die sich verdient werden muss, aber auch ausgegeben, verschenkt oder gestohlen werden kann. 

Auch der Philosoph Martin Heidegger setzt in seinem Werk „Sein und Zeit“ beide Komponenten als voneinander abhängig dar. Seiner Ansicht nach, ist Zeit nur dann knapp, wenn „es dem Tod entgegen geht“. Daraus ließe sich die gefühlte Unsterblichkeit von Kindern und Jugendlichen erklären, die zu glauben scheinen, „alle Zeit der Welt“ zu haben. 

Aus diesem überlegenen Hintergrund heraus, werde Zeit anders (wert)geschätzt, als Ältere dies tun würden. 

Doch eine Studie der US-amerikanischen Duke University belegte, dass die Bildverarbeitung im Kopf der Grund für die unterschiedliche Zeitwahrnehmung sei. Denn unserer innere Zeit (wir berichteten) werde nicht nur durch Sinneseindrücke, sondern eben auch durch Bildfolgen beeinflusst. Umso jünger der Mensch, desto mehr Bilder werden pro Tag verarbeitet – das dauert länger als bei den reiferen und komplexeren Neuronen eines älteren Menschen und wird deswegen auch als länger abgespeichert. Hinzu kommen die Erfahrungen, die ein Mensch im Leben macht: Neues wird vom Gehirn priorisiert behandelt und erfordert für das Lernen und Verinnerlichen eben auch eine längere Zeitspanne. Im Alter ist die „Festplatte“ voll von Eindrücken und den einzelnen Bildfetzen kann nicht mehr die frühere Aufmerksamkeit geschenkt werden.      

 


 

Teil IV: Zeitliches Management ist relativ

(erschienen am 27. Dezember 2020)

Zum Thema Zeit gibt es unzählige Zitate und Gedanken, niedergeschrieben von den großen Köpfen der vergangenen Jahrhunderte. Das Sprichwort „Wer zu viel über die Zeit nachdenkt, riskiert, dass sie ihm mit der Zeit auf den Wecker geht“ ist wenig bekannt und wird dank Torben Kuhlmann den Mäusen zugesprochen. Der Schriftsteller widmet sich in seinem Werk „Einstein – Die fantastische Reise einer Maus durch Raum und Zeit“ der Frage, ob sich die Zeit zurückdrehen lässt. Denn die kleine Maus hat das große Käsefest in der Schweiz verpasst und sucht einen Weg, ihr Versäumnis ausradieren zu können. Nachdem der Versuch, alle Uhren der Stadt zurückzudrehen, nicht den erhofften Effekt brachten, muss große Hilfe her. Von Albert Einstein lernt die kleine Maus, dass Zeit relativ ist; sie lässt sich verlangsamen, beschleunigen, vielleicht sogar anhalten. Aber lässt sie sich auch zurückdrehen? 

Schafft es die Maus doch noch zum Käsefest oder ist es letzten Endes sogar ein kleines unscheinbares Tier, welches den Lauf der Zeit verändern soll? 

Es ist ein Gedankenexperiment, auf das sich der Leser einlassen muss, doch auch nicht weniger war es, was Einstein auf die Idee für seine Forschungen brachte, mit denen er die bis 1905 gültige Vorstellung von Raum und Zeit auf den Kopf stellte. 

„Die Zeit ist etwas, das stetig dahinfließt – immer in die gleiche Richtung“, lernt die Maus und weiß der Mensch. Aus diesem Dilemma wird seit Ewigkeiten ein Ausweg gesucht. Uhren und Kalender sollen einen Überblick verschaffen und einen Ansatz für ein effizientes Zeitmanagement bieten. Denn Zeit ist Geld. Im 18. Jahrhundert entwarfen die Aufklärer rund um Benjamin Franklin ein neues, lineares Zeitregime, welches die zyklische Ordnung ablöste. 

Während die Menschen bis dato im ständigen wiederkehrenden  Rhythmus der Ereignisse lebten und die Zeit als Kreislauf empfanden, der sich nach Tages- und Jahreszeiten richtete, machte das lineare Zeitmuster deutlich, dass jedes Ereignis einmalig ist. Plötzlich galt es, eine Markierung auf dieser Achse zu hinterlassen und möglichst etwas Produktives mit der Zeit anzufangen, da diese mit Fortschritt und Wachstum gleichgesetzt wurde. 

Über 200 Jahre diente der Mensch dieser Ordnung, erst in den Nachkriegsjahren des 20. Jahrhunderts löste sich der individuelle Zeitanspruch vom geforderten Wohl der Gemeinschaft. Es gilt seitdem, sich möglichst viel qualitative Zeit – für die Familie und für sich selbst – freizuscheffeln. 

Damit das gelingt, werden jedes Jahr neue Ansätze für ein erfüllendes Zeitmanagement ent-wick-elt. Darin geht es vor allem um Achtsamkeit. Sogenannte „Bucket Lists“ oder auch „Löffellisten“ (Dinge, die zu tun sind, bevor der Löffel abgegeben wird) sind nichts anderes als Arbeitslisten für das Leben, über deren Sinn sich streiten lässt. Denn wer sich Stress machen muss, um abends eine gewisse Zeit für sich frei zu haben, um „Qualitatives“ zu erleben, wird diese nicht genießen können. Wessen Tag schlicht zu voll gepackt ist, muss selektieren. Und auch dazu gibt es Ansätze: wie die lesenswerte Idee von Philipp Maximilian Scharpenack. Der Unternehmer (Suck it, Gründerpoker) plädiert in seinem Buch „Life to the Max“ für eine vier-Stunden-Arbeitswoche, denn alles andere sei „Trödelei und Zeitverschwendung“.