Marienborn. Beim Jubiläum der Gedenkstätte Marienborn spielt Keimzeit Musik der Wendejahre.
„Irre ins Irrenhaus. Die Schlauen ins Parlament. Selber schuld daran. Wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt“. Mit diesen Zeilen lieferte die Band Keimzeit aus Bad Belzig (Brandenburg) einen der hintergründigsten, augenzwinkernden und dazu noch tanzbaren Tracks der Wendejahre. Keimzeit, Ende der 1970er Jahre als Familienband gegründet, das ist die Musik einer Zeit, die bei allen politischen Herausforderungen auch geprägt war von Partystimmung und Freiheitsbegeisterung, von einem gleichzeitig begeisterten und zukunftsorientierten Gedanken der Hoffnung. Auch das, dieses Begeisterte, gehört zur Erinnerungskultur, sagt Dr. Susan Frisch, Leiterin der Gedenkstätte Marienborn. Hier, an der ehemaligen Schnittstelle des kalten Krieges, werden am Sonnabend, 22. August 2026, ab 12 Uhr 30 Jahre Bildungsarbeit gefeiert. Hier, an dem Ort, der einst eine kleine, strengstens bewachte Tür im Eisernen Vorhang zwischen Ost und West war und heute eine Art Mahnmal staatlich organisierter Unmenschlichkeit ist. Der Auftritt von Keimzeit vor der Kulisse der ehemaligen Zollabfertigung wird am Festtag gegen 19 Uhr den Höhepunkt und Abschluss eines bunten Programms bilden. Bei einem Rundgang durch den historischen Bereich der Zollabfertigung verschafften sich der Frontmann und Sänger Norbert Leisegang sowie Keimzeit-Manager Dirk Tscherner anlässlich des Pressetermins schon sechs Wochen vor dem großen Fest, einen Eindruck von dem „spektakulären“ historischen Auftrittsort.
Musik, die grenzenlos wirkt
Songs aus vier Jahrzehnten Bandgeschichte, darunter Wendezeit-Klassiker wie „Kling-Klang“ und „Frau aus Gold“, aber auch Neues wird zu hören sein: Musik, sagt Leisegang, die grenzenlos wirken soll, nicht nur örtlich, auch gesellschaftlich. Menschen zusammenführen, das sei wichtig, „gerade an diesem his-torischen Ort“. In diesem Sinne findet am Nachmittag des Sommerfestes ein Workshop für Musikschülerinnen und -schüler statt. Auch ein Gespräch mit Leisegang und seinem Bandkollegen Andreas „Spatz“ Sperling wird dazu gehören. Inhalt: Musik (natürlich), Lebensgefühl und Systemgrenzen. Teilnehmende sind junge Musikerinnen und Musiker aus den Landkreises Helmstedt und Börde. Einige von ihnen werden am früheren Abend dals Vorbands von Keimzeit auf der Bühne zu erleben sein. Auch sonst ist eine Menge geplant zur Feier von 30 Jahren Erinnerungsarbeit: Den Auftakt bildet um 12 Uhr ein Rückblick. Es folgen Präsentationen von Geschichtsprojekten sowie Gedichte und Lieder von Johann Voß. Um 14 Uhr spielt und liest Liedermacher Stephan Krawczyk. Dazu gibt es zahlreiche Info-Stände von Einrichtungen und Initiativen der Erinnerungskultur am Grünen Band, zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, zur Heimat- und Regionalgeschichte sowie Projekte zum gesellschaftlichen Miteinander. Erstmalig nehmen die Landeszentralen für politische Bildung aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gemeinsam an einer öffentlichen Präsentation ihrer Arbeit teil. Auf dem Gelände der Gedenkstätte wird es außerdem Mitmach-Aktionen wie einen Graffiti-Workshop und ein Gästebuch-Banner für Groß und Klein geben. In einem Erzähl-Café berichten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von ihren Erfahrungen staatlicher Repression, von gelungenen und gescheiterten Fluchten, von Stasi-Haft und der Aufarbeitung des DDR-Unrechts. „In dieser Bandbreite des Programms wollen wir die Vielstimmigkeit und die Lebendigkeit von Erinnerungskultur in der Region aufzeigen“, sagt Gedenkstättenleiterin Frisch beim Pressegespräch. Entsprechend erwartet die Besuchenden am Sonnabend, 22. August 2026, bei freiem Eintritt ein Fest, das unter dem Motto „Erinnern!“ vor historischer Kulisse mit Lost-Place-Atmoshäre alles zelebriert, was jeden Rückblick so ausmacht, egal ob privat oder geschichtlich. Erinnern kann tieftraurig und schwer sein, nostalgisch und melanchloisch, hintergründig, heiter und frech, ein bisschen sentimental, ein bisschen glücklich und manchmal sogar absolut tanzbar.
Kathrin Peter-Sohr
Als Freie Redakteurin bereichert Kathrin Peter-Sohr das Team des HELMSTEDTER SONNTAG nicht nur schreibend, sondern zugleich "(be)lehrend": Als Volontärin eines früheren Helmstedter Anzeigenblattes zog sie aus in die große weite Welt. Nach über 20 Jahren als Lehrerin in Hamburg kehrte sie nun zu ihren beruflichen Wurzeln zurück nach Helmstedt. Sie erweckt sogar trockene Themen zu Leben und kennt sich mit Verwaltungsdeutsch bestens aus.
