Diesmal geht es um die Behauptung, dass Ängste angeboren sind.

von Natalie Reckardt

Viele kennen es, das unwohle Gefühl, wenn eine Spinne die Wohnzimmerwand hochkrabbelt oder wenn die Achtbeiner einen beim Duschen Gesellschaft leisten. Fast genauso sieht es mit anderen Reptilien aus, die zwar vielleicht nicht alle in Deutschland vorkommen, die jedoch trotzdem beim Anblick Angst in einem Menschen auslösen können. Woher kommt diese Angst? Könnte sie aus einem Trauma frühester Kindheit herrühren oder ist Angst vielleicht sogar angeboren?

Untersuchung der Erbsubstanz

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München sind sich sicher: Angst kann auch vererbt sein. Bei der Untersuchung der Erbsubstanz von 300 Patienten haben die Wissenschaftler gleich mehrere Gene identifiziert, die bei der Entstehung von Angsterkrankungen eine Rolle spielen könnten. -Getestet wurden vor allem Patienten mit besonders schweren Panikattacken und ausgeprägter Platzangst. Wiederholt wurden bei ihnen bestimmte Varianten eines Gens von Chromosom 12 gefunden. Dieses Gen trägt laut Forscherin Susanne Lucae die Information für ein Enzym, das unter anderem an Gedächtnisvorgängen und Schmerzempfinden beteiligt ist. Diese Variante wurde auch bei manisch depressiven Störungen identifiziert. Forscher nehmen deshalb an, dass einige Gene sowohl bei Angsterkrankungen als auch bei so genannten affektiven Störungen eine Rolle spielen. 

Stress an Baby-Augen abgelesen

Dahingegen haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig Untersuchen an Babys im Alter von sechs Monaten vorgenommen. Wurden den Kleinen Bilder von Schlangen und Spinnen, im Vergleich zu Bildern von Blumen und Fischen derselben Größe  gezeigt, reagierten sie deutlich mit vergrößerten Pupillen. „Das ist bei gleichbleibenden Verhältnissen ein wesentliches Signal dafür, dass das so genannte noradrenerge System im Gehirn aktiviert wird, das mit Stressaktionen in Verbindung steht“, erklärt Stefanie Hoehl vom MPI CBS. Weiter sagt sie: „Wir gehen davon aus, dass die Angst vor Schlangen oder Spinnen einen evolutionären Ursprung hat. Bei uns sind offensichtlich Mechanismen im Gehirn angelegt, durch die wir schnell Objekte als ‚Spinne‘ oder ‚Schlange‘ identifizieren und darauf reagieren können. Wenn zu der angeborenen Stressreaktion noch weitere Faktoren dazukommen, kann sich aus der reinen Angst eine Phobie entwickeln.“

Keine Stressreaktion auf Säugetiere

Interessanterweise haben die Babys auf Bilder von Löwen oder Nashörnern, die tatsächlich gefährlich werden können, nicht mit Stressreaktionen reagiert. „Wir vermuten, dass die gesonderte Reaktion beim Anblick von Spinnen oder Schlangen damit zusammenhängt, dass potenziell Reptilien mit dem Menschen und seinen Vorfahren seit 40 bis 60 Millionen Jahren koexistieren – und damit deutlich länger als etwa mit den uns heute noch gefährlichen Säugetieren“, so Hoehl. 

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Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit über 25 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor über 20 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.