von Katja Weber-Diedrich

Zwar können auch in diesem Jahr zum Fasching oder Karneval Großveranstaltungen wegen der Corona-Pandemie nicht stattfinden und aufgrund des in Europa ausgebrochenen Krieges ist vielleicht manchen nicht nach Feiern zumute, allerdings wirft der morgige Rosenmontag dennoch seine Schatten voraus. Manch kleinere „Sause“ findet sicherlich statt oder die Karnevalis–ten verkleiden sich „einfach so“, weil die tollen Tage in vollem Gang sind. 

Aber gibt es eigentlich „No Gos“ bei der Kostümierung? Ist es wirklich so, dass man sich heutzutage auf gar keinen Fall mehr als „Indianer“,. „Chinese“ oder „Afrikaner“ verkleiden sollte? Der Deutsche Kulturrat hat diejenigen, die sich in der heutigen Zeit noch als nichteuropäische Menschen verkleiden, zum Fasching 2020 als „arglos“ bezeichnet. „Stereotype und ethnisierende Kostüme sind rassistisch“, hieß die Veröffentlichung dazu auf der Internetseite kulturrat.de. Dort wird es als arglos dargestellt, wenn sich Menschen als „Andere“ verkleiden. „Und zwar nicht als andere berühmte Personen, sondern als eine stereotype Darstellung von nichteuropäischen Menschen beziehungsweise ‚Völkern‘ – wie den ‚Afrikanern‘, den ‚Chinesen‘ oder den ‚Indianern‘.“ Der Kulturrat schreibt weiter: „Es sind diese Kostüme, die einem Kinderbuch oder einem ethnologischen Museum entsprungen zu sein scheinen, in die sich die Karnevalslustigen hineinstecken und mit der entsprechenden Hautfarbe schminken: schwarz, gelb oder rot.“

Von Generation zu Generation weitergegeben

Die Plakatkampagne „Ich bin kein Kostüm“, für die unter anderem der Antidiskriminierungsverband Deutschland sowie der Verein Öffentlichkeit gegen Gewat in Köln verantwortlich zeichneten, machte bereits 2017 deutlich, dass einige Kostüme rassistische und stereotype Bilder stärken würden. 

„Europäer benutz(t)en diese Bilder, um Ausbeutung und Unterdrückung von bestimmten Menschengruppen zu rechtfertigen“, hieß es seinerzeit aus Köln und weiter: „Dies ist den wenigsten Trägerinnen und Trägern der Kostüme bewusst. Die Zeit des Kolonialismus und der so genannten ‚Entdeckungen‘, die mit Massenmorden und anderen Gräueltaten einhergingen, wird bislang nicht ausreichend aufgearbeitet. Das so genannte Indianerkostüm und andere diskriminierende und teils romantisierende Bilder bestimmter Gruppen geben die Älteren so immer wieder an die nächste Generation weiter.“

Bastrock ist nur ein Beispiel

Zum Fasching 2019 ließ „Die Zeit“ die Kölner Afrikanistik-Professorin Marianne Bechhaus-Gerst zu Wort kommen. Sie sagte, dass es gerade in den Hochburgen viele Karnevalsvereine gebe, die „Blackfacing“ betrieben. „Das heißt, sie verkleiden sich als Fantasie-Afrikaner mit Baströckchen und Knochenkette, mit denen sie dann alte, stereotype Bilder bedienen“, sagte sie. Damit sei der Träger zwar nicht unbedingt ein Rassist, aber die Verkleidung sei es in jedem Fall, so Bechhaus-Gerst. 

Solche Kostüme träfen Menschen, die sich reduziert fühlten. Und der Bastrock sei nur ein Beispiel. „Ich würde mir wünschen, dass es auch eine Diskussion über das Indianerkostüm gibt und was daran problematisch sein könnte. Dass es sich dabei um eine europäische Fantasie über eine Menschengruppe handelt, die nichts mit der Realität zu tun hat“, sagte die Afrikanistik-Professorin der „Zeit“.

Unterschiedliches Aussehen ist nichts Lustiges

 Genau das ist das Thema, über das in vergangenen (vor Corona)Jahren ausgiebig diskutiert wurde: Wie kommt es, dass die so genannte „westliche Welt“ sich einbildet, dass Menschengruppen sich durch Haut-, Augen- und Haarfarbe zugleich gesellschaftlich voneinander unterscheiden? Und wieso sollte es lustig sein, sich „nicht-europäisch“ anzuziehen? Sich dabei auf eine Einteilung der Menschen in „Rassen“ zu beziehen, gilt in höchstem Grad rassistisch, wird ganzen Gruppen durch diese Einteilung doch eine gewisse „Normalität“ oder gar das „Mensch-Sein“ abgesprochen. 

Der Rassebegriff führt zurück bis in die Kolonialzeit, in der Europäer ganze Völker ausrotteten, dies später als „Zivilisierungsmission“ betitelten und das Geschehen so auf ein unerträgliches Maß herunterspielten. Den „Buschmännern“ in Afrika wurde die Zivilisation gebracht, würden nur durch und durch rassistisch denkende Menschen arumentieren. Genau deshalb wird es als politisch wie ethisch unkorrekt angesehen, sich heute mit einer Afro-Perücke zu bekleiden oder sich das Gesicht rot anzumalen.  

Alternativen sind keine Mangelware

Und schließlich sind die Alternativen, die es für Verkleidungen gibt, nahezu unbegrenzt. Es ist heute ein Leichtes, solche Kostüme zu tragen, die dem Leben mit Witz Humor, Respekt und Toleranz begegnen und die niemandem „weh“ tun. 

 

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Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit über 25 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor über 20 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.