von Katja Weber-Diedrich

Als Bob Geldof und Midge Ure im Sommer 1985 mit Live Aid das größte Rockkonzert aller Zeiten parallel in London und in Philadelphia veranstalteten, saß manch einer gebannt vor dem Fernseher, ob der großen Spanne an Stars, die es dort live zu bestaunen gab. Live Aid war ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten Afrikas. Bob Geldof und Midge Ure nahmen die akute Hungersnot in Äthiopien zum Anlass für das Konzert, dem Geldofs „Band Aid“-Projekt vorausgegangen war. Zu Weihnachten 1984 hatte der Ire zahlreiche Musikerkollegen um sich versammelt, um das Weihnachtslied schlechthin aufzunehmen, das nun seit 37 Jahren von November bis Januar auf allen Radiosendern läuft und von vielen Deutschen als ihr liebstes Weihnachtslied genannt wird: „Do they know it‘s Christmas“. Doch 37 Jahre nach der Veröffentlichung legt sich ein schwarzer Schleier über das Lied mit dem Untertitel „Feed the World“. Es gilt als rassistisch. Ist das wirklich so? 

Leider ja, denn es war eine Ausnahmesituation, die Mitte der 1980er Jahre in Äthiopien herrschte; durch die ganz sicher gut gemeinte Aktion von Bob Geldof und seinen Mitstreitern jedoch wurde ein ganzer Kontinent über einen Kamm geschoren. Denn unter anderem wird behauptet: „Und dieses Jahr wird es keine weiße Weihnacht in Afrika geben. Das größte Geschenk das sie dieses Jahr bekommen, ist das Leben. Wo nichts jemals wächst, kein Regen oder Fluss fließt. Wissen sie überhaupt, dass die Weihnachtszeit angebrochen ist?“ Das größte Problem beim Song „Do they know it‘s Christmas“ ist, dass es um die Hungerkatas-trophe in Äthiopien geht, das Land aber nie genannt wird, sondern immer nur vom gesamten Afrika die Rede ist. Es wird darüber gesungen, dass dort Schrecken und Gewalt herrschen, dass es Krankheiten, Hunger und Terror gibt und es angeblich nirgendwo schneit. Da hat Bob Geldof aber offenbar nicht an den Kilimandscharo in Tansania oder auch den Mount Kenya in Kenia gedacht, auf denen das ganze Jahr über Schnee liegt. Vergessen hat er auch die Skigebiete in Lesotho oder Südafrika sowie die Berge Äthiopiens, in denen es im Winter ebenfalls schneit…

Und auch andere Behauptungen, wie dass es in Afrika niemals regnet und dort keine Flüsse fließen, sind aus der Luft gegriffen. Immerhin ist der Nil  mit seinen 6.671 Kilometern der längste Fluss der Welt und viele Gebiete in Afrika werden immer wieder von Überschwemmungen geplagt, die nach extremen Regenfällen häufig auftreten.  Natürlich ist es richtig, dass es 1984 eine Hungerkatastrophe in Äthiopien gab. Die älteren Leser werden sich noch an die Schre-ckensbilder in den Nachrichten erinnern von den Kindern, deren Bäuche vom großen Hunger ganz aufgequollen waren, von den Menschenmassen, die aus dem Land flüchteten. Aber diese Katastrophe traf eben nur auf Äthiopien zu, sogar nur auf den Norden des Landes, und keinesfalls auf einen ganzen Kontinent. 

Afrikanerinnen und Afrikaner haben sich dennoch direkt nach Erscheinen des Songs zu Wort gemeldet und sich empört, dass Menschen in Europa und den USA einen ganzen Kontinent über einen Kamm scheren. Hinzu kommt der Titel: Warum sollten 1,3 Milliarden Menschen nicht wissen, dass Weihnachten ist? 40 Prozent der afrikanischen Bevölkerung gehören dem Christentum an. Bob Geldof soll das bewusst gewesen sein. Jedoch baute er das Ganze weiter aus. Neben „Do they know it‘s Christmas“ gab es ja auch noch den Song „We are the World“. Beide wurden mehrfach neu aufgelegt. Und auch das Live Aid Konzert mit dem Untertitel „Feed the World“ wurde 2005 als „Live 8“ wiederholt. „Band Aid“ fand in „Band Aid II“ (1989), „Band Aid 20“ (2004) und „Band Aid 30“ (2014) Neuauflagen mit aktuellen Künstlern, aber immernoch demselben Weihnachtslied. 

Die Texte wurden sogar noch so verschärft („Kein Frieden und keine Freude dieses Weihnachten in Westafrika, die einzige Hoffnung, die sie haben, ist am Leben zu sein“…), dass afrikanische Radiostationen sich weigerten, den Titel zu spielen. All das sind Aktionen, die dazu beigetragen haben, dass Amerika und Europa ein verklärtes Afrika-Bild haben, den ganze Kontinent für arm, hungernd, terrorisiert und unterdrückt hält. Und genau das nennt man Rassismus… 

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Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit über 25 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor über 20 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.