Teil I: Am Anfang war die „one to many“-Kommunikation – Beim Monatsthema im Dezember „Ist ‚social media‘ wirklich sozial?“ werden insbesondere die Netzwerke unter die Lupe genommen

Oh, du schöne, neue Welt: Dank der „neuen Medien“ ist es möglich, sich mit der ganzen Welt zu vernetzen und auszutauschen. Die Klassenkameraden sind ausgewandert? Macht nichts, über Facebook und Co. kann kinderleicht Kontakt gehalten werden.  Dank Smartphone ist es zudem immer und überall möglich, mit der social media-Gemeinde in Kontakt zu bleiben. Beim Dezember-Monatsthema mit dem Titel „Ist ‚social media‘ wirklich sozial?“ soll es insbesondere um die verschiedensten sozialen Netzwerke gehen, die es auf dem Markt gibt, um die Auswirkungen, die diese auf das Leben haben (können) und vor allem um die Kernfrage: Sind sie wirklich so sozial wie ihr Name verspricht? Knapp acht Milliarden Menschen leben aktuell auf unserem Planeten, über die Hälfte von ihnen (4,2 Milliarden) nutzt 2021 soziale Medien. Das ist ein enormer Anstieg, waren es doch 2015 „nur“ 2,08 Milliarden Nutzer (Quelle: de.statista.com). In hiesigen Regionen kann also davon ausgegangen werden, dass jeder Mündige schon einmal von Facebook, YouTube, Twitter, Instagram oder WhatsApp (um nur die gebräuchlichsten Netzwerke zu nennen) gehört hat und die allermeisten auch mindestens eines davon nutzen. Soziale Netzwerke sind virtuelle Gemeinschaften, in denen sich Menschen auf der ganzen Welt treffen können. Dies tun sie in der Regel, um sich über gemeinsame Interessen auszutauschen oder wie eingangs erwähnt, um in Kontakt zu bleiben. In der Regel erstellt jeder Nutzer in einem sozialen Netzwerk ein eigenes Profil mit persönlichen Angaben und kommuniziert mit anderen über seine „Pinnwand“, über Privatnachrichten oder über Einträge in Gruppen sowie auf anderen Seiten. Das Prinzip der sozialen Netzwerke funktioniert dann, wenn die Selbstdarstellung der Nutzer stimmt. Denn dann werden sie auf andere mit ähnlichen Interessen aufmerksam und können diesen folgen oder sich mit ihnen befreunden. 

Hans Böckler Stiftung ging dem Thema 2013 auf den Grund 

Karl-Hermann Böker, Ute Demuth, Achim Thannheiser und Nils Werner beschreiben in ihrer Ausarbeitung „Social Media – Soziale Medien?“ der Hans Böckler Stiftung von 2013 die Geschichte der sozialen Netzwerke: Nachdem das World Wide Web zunächst von der so genannten „one to many“-Kommunikation (ein Nutzer sendet eine Information, andere empfangen diese lediglich) geprägt war, entwi-ckelte sich ab 2004 das „Web 2.0“, das heute allgemein als social media, beziehungsweise soziale Medien, betitelt wird. ,,Viel früher als Webseiten – die ersten gingen vor etwa 20 Jahren ans Netz – gab es bereits regen Austausch über das Netz. Neben dem E-Mail-Dienst gab und gibt es Chats, Foren, auch schwarze Bretter genannt“, schrieben die vier Autoren 2013 in der Ausarbeitung. Letztere kommen den heutigen sozialen Netzwerken am nächsten: Öffentliche Nachrichtenwände dienen schon seit fast vier Jahrzehnten dem Austausch zwischen Menschen, die gemeinsame Interessen haben. Ältere Internetnutzer können sich an verschiedene Foren erinnern, in denen sie nicht nur fachliche Fragen diskutierten, sondern mit den anderen Mitgliedern quasi chatteten, klönen und teilweise sogar Bilder und Videos austauschten. Das alles wurde stetig lebendiger und mündete in sozialen Netzwerken. Auch ohne zu wissen, wie das technisch funktioniert, wird mit wenigen Klicks kommuniziert: Es können Texte, Bilder und Videos ins Netz gestellt und mit anderen Menschen darüber diskutiert werden. „Soziale Medien zeichnen sich folglich durch interaktive und kollaborative Elemente aus“, schlussfolgern die Autoren des Werkes der Hans Böckler Stiftung. Technisch müsse diese Weiterentwicklung des Internets nicht unbedingt bahnbrechend sein, „aber das Beschriebene wirkt sich stark darauf aus, wie wir das Netz nutzen und wahrnehmen: Unsere Art Informationen zugänglich zu machen und zu verarbeiten, hat sich grundlegend geändert“, heißt es in „Social Media – Soziale Medien?“. Innerhalb der vergangenen acht Jahre hat sich dies alles aber noch einmal weiterentwickelt. Ob diese Weiterentwicklung zum Besseren oder eher zum Schlechten vollzogen wurde, darüber soll im Dezember diskutiert werden. Denn oft genug sind soziale Medien heute des Einen Freud und des Anderen Leid. 


Teil II: Kennen Sie eigentlich Jappy, Reddit, Tumblr oder Vimeo? – Beim Monatsthema „Ist social media – wirklich sozial?“ wird diesmal ein Blick auf die verschiedensten Netzwerke geworfen, die zur Verfügung stehen

Die große Welt der sozialen Netzwerke ist weitaus umfangreicher als die Produkte aus dem Hause Zuckerberg. Der US-Milliardär hält allerdings seit Jahren die Spitze und betreibt mit seinem Unternehmen Meta Platforms die meistgenutzten Netzwerke der Welt: Facebook, Instagram und WhatsApp. Als Anfang Oktober ein Konfigurationsfehler (so die offizielle Erklärung des Konzerns) dafür sorgte, dass die Dienste stundenlang nicht erreichbar waren, schien das gesamte Internet stillzustehen. Bei den Nutzern, die ausschließlich auf Produkte des Meta-Konzerns setzen, ging eine kleine Welt unter… Dabei gibt es heute weitaus mehr Möglichkeiten, um mit der Außenwelt in Kontakt zu bleiben.

Erste Anfänge bei StudiVZ, ICQ, MySpace und Co.

Aber gehen wir einmal zurück an die Anfänge. Was gab es vor dem großen Hype um Facebook und Co.? Es sei an das StudiVZ erinnert, das nicht nur von Studenten in Deutschland hoch frequentiert war. Oder an das ursprünglich für Musiker gedachte MySpace. Oder auch an den ersten Messenger-Dienst ICQ. Während das 1998 vom US-amerikanischen Unternehmen AOL gegründete und im April 2010 an die russische Mail.Ru Group verkaufe ICQ seinen Dienst unter dem Namen ICQ New weiter anbietet (wenn auch wenig genutzt), ist MySpace Geschichte. Im März 2019 wurde bekannt, dass die musikalische Plattform alle Fotos, Videos und Audiodateien verloren hat, die in den Jahren 2003 bis 2016 hochgeladen wurden. Ursache war nach eigenen Angaben ein missglückter Serverumzug. Das im November 2005 gegründete StudiVZ (kurz für Studentenverzeichnis) war, neben den späteren SchülerVZ und MeinVZ, ein Projekt der VZ Netzwerke, das als Tochterunternehmen der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck angehörte. Ab 2009 konzentrierte es sich ausschließlich auf den deutschsprachigen Raum. Als der Eigentümer Poolworks 2017 Insolvenz anmeldeten, sollte das StudiVZ zum 30. Juni 2020 abgeschaltet werden. Das geschah bisher aber nicht. Vielmehr existiert es tatsächlich noch heute und auf der Startseite studivz.net heißt es: „Sei dabei in Deutschlands großem sozialen Netzwerk. Tausch Dich aus über Fotos, Filme, Nachrichten, Gruppen. Bleib in Kontakt mit Freunden, Kommilitonen und Familie.“ Ein Versuch, sich nach wohl zehn Jahren Pause wieder dort einzuloggen schlug allerdings fehl, weil weder die damalige E-Mail Adresse noch das Passwort in Erinnerung kamen… 

Kollege Matthias Schwarzer vom Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) ist dies im Januar 2020 allerdings gelungen, nachdem auch er mehrere Stunden über seine E-Mail-Adresse von „anno knips“ und sein dazugehöriges Passwort gegrübelt hatte. Er beschreibt das heutige StudiVZ als eine „digitale Geisterstadt“, als „Friedhof der Gruscheltiere“ (stimmt, das gegenseitige Gruscheln war in dem Netzwerk der Hit…). „Der Rest des ehemaligen Hype-Netzwerks besteht vor allem aus technischen Fehlern und unaufrufbaren Seiten“, stellt Matthias Schwarzer die leergefegte Plattform dar. 

Mit den modernen Netzwerken können die alten nicht mithalten

Ein Grund, dass im StudiVZ nichts mehr los ist, dürfte im stets modern gehaltenen Facebook sowie auch im super-aktuellen Twitter liegen. Zu vielseitig sind die Möglichkeiten, die Facebook bietet, gegenüber „altmodischen“ Verzeichnissen. Bilder, Videos oder auch Nachrichten werden verbreitet, es kann gechattet, diskutiert und sogar gespielt werden. Viele Jahre war das amerikanische Netzwerk, das übrigens ähnlich des StudiVZ lediglich als virtueller Austausch an Colleges an den Start ging, daher einsame Spitze in den Augen der Nutzer. In jüngster Zeit allerdings kehren sich auch immer wieder Nutzer ab. Zu unsicher sind die privaten Daten dort aufgehoben, zu sehr nervt die personalisierte Werbung, für die Mark Zuckerberg Milliarden kassiert, zu anstrengend sind Diskussionen über Fake News und Verschwörungstheorien. 

 Was gibt es außer Facebook?

Zu demselben Konzern gehören der Messenger-Dienst WhatsApp und die Foto-Plattform Instagram. Auch sie werden millionenfach auf der Welt genutzt. Was aber gibt es außerhalb der „Facebook-Welt“? An erster Stelle ist da Twitter,  das Kurznachrichtennetzwerk. Alles, was man dort mitteilen möchte, muss man kurz fassen oder in mehrere Tweets (so heißen die Posts dort) aufteilen. Denn sie sind auf jeweils 280 Zeichen begrenzt. Eine social media-Weisheit lautet: „Bei Facebook sind alle Personen, mit denen du zur Schule gegangen bist. Bei Twitter sind alle, mit denen du gern zur Schule gegangen wärst.“ Stars und Sternchen sind zwar auch im Meta-Konzern vertreten und posten via Instagram und Facebook Updates. Bei Twitter fühlt es sich aber irgendwie „echter“ an. So wie auch bei LinkedIn: Das  ursprüngliche Berufe-Netzwerk wird von bekannten Größen wie beispielsweise Alt-Kanzler Gerhard Schröder oder Fußballnationalspieler Thomas Müller genutzt. Und es „funktioniert“ im Prinzip wie Facebook. Allerdings ist LinkedIn (noch) eher eine Darstellungsplattform der Wirtschaft und Industrie. Zu sozialen Netzwerken zählt beispielsweise auch YouTube. Der Videokanal wird mindestens genauso frequentiert wie Facebook oder Instagram, wenn nicht noch mehr, und besteht aus Videos, die von angemeldeten Nutzern kommentiert werden können. Neben dem „Daumen hoch-Button“ gibt es in diesem Netzwerk eine Negativbewertung, was sonst eher selten zu finden ist. Vielleicht hat gerade deswegen diese Plattform schon so viele „neue Stars“ hervorgebracht, die mit ihren Kanälen über eine Milliarde Menschen weltweit unterhalten. Als Beispiele seien hier nur Rezo und Mai Thi Nguyen-Kim genannt. Und auch der HELMSTEDTER SONNTAG hat einen Kanal bei YouTube, der bis vor Kurzem mit dem Stream „HELMSTEDTER SONNTAG live“ regelmäßig „gefüttert“ wurde.

Flirten, diskutieren oder einfach nur herumblödeln – heute ist alles möglich

Damit ist die Liste der aktuellen sozialen Netzwerke in Deutschland noch immer nicht am Ende. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Videoplattform TikTok, die von jüngeren Leuten bevorzugt wird, oder das „Neugier-Kommunikationsnetzwerk“ ask.fm, bei dem (auch anonym) Fragen gestellt oder beantwortet werden können. Natürlich gibt es verschiedenste Dating-/Flirt-Plattformen wie Badoo, Tinder, twoo oder Lovoo etwa. Und alternative Messenger-Dienste, die seit der Angst um den Datenklau des Hauses Meta beliebter werden: Threema, Ginlo, Wire, Signal und natürlich das von Verschwörungstheoretikern gern genutzte Telegram seien als Beispiele genannt. Noch relativ „klein“ gehalten sind hingegen Netzwerke wie Jappy, Flickr, Snapchat, Stayfriends, Twitch, Tumblr, Pinterest, Vine, Xing, Vimeo, Clubhouse (nur auf Einladung) oder auch Reddit. Zu letztgenanntem noch ein paar Worte: In Deutschland ist Reddit zwar noch immer recht unbekannt, unter „Techies“ und Redakteuren jedoch sehr beliebt.  Die Nutzer teilen und bewerten Links und bilden so den Inbegriff von Schwarmintelligenz. Obendrein wird in dem Netzwerk sehr auf die Umgangsformen geachtet, weshalb dort (noch) ganz unverfängliche Diskussionen über die Tücken des Alltags möglich sind und so genannte Trolle von Moderatoren direkt gebannt werden. 

Ich bin da, wo meine Freunde sind

Bei all dieser Vielfalt und Wahlmöglichkeiten geht es den meis-ten Nutzern sozialer Netzwerke aber wohl vor allem darum, Freunde und Gleichgesinnte zu treffen. Und die sind natürlich in den bekanntesten Netzwerken am häufigsten zu finden, sodass es wohl noch lange dauern wird, bis das Facebook-Monopol von einer anderen Plattform eingeholt werden kann, zumal andere eben in ihrer Angebotsvielfalt noch immer viel begrenzter sind. 


Teil III: In sozialen Netzwerken wird sogar Terrorismus organisiert – Auf vielen Plattformen ist der Ton durch die Corona-Pandemie (noch) rauher geworden; den Messenger-Dienst Telegram haben Ermittler besonders im Visier

„Ich verlasse jetzt diese Gruppe, ihr seid mir zu gehässig.“ So oder ähnlich könnte ein Beitrag bei Facebook lauten, der garantiert von mindestens einem Nutzer mit „Hau doch ab, niemand wird dich vermissen“ oder ähnlich beantwortet werden würde. Das soziale Netzwerk, das vom US-Amerikaner Mark Zuckerberg zu einem Milliardenunternehmen gepusht wurde, ist nicht erst durch die Whistleblowerin Frances Haugen dafür bekannt, dass ein kaum reglementierter rauher Ton herrscht. Wie in den ersten beiden Teilen unseres Dezember-Themas „Ist social media wirklich sozial?“ schon dargestellt, sind die verschiedenen sozialen Netzwerke unterschiedlich ausgerichtet. Während beispielsweise Linked-In oder Xing als „Berufsnetzwerke“ gelten, wird Instagram gern als „Verkaufskanal“ genutzt und Twitter ist für die rasche Verbreitung von Nachrichten bekannt. Doch egal wie man es dreht und wendet, jedes dieser Netzwerke hat offenbar Argumente, die für oder gegen eine Nutzung sprechen. 

Dabei geht es um den „Kampf“ zwischen Vermarktung/Werbung und Datenkontrolle, Information und Falschmeldung oder auch Freundschaft und Betrug. Gerade in der Corona-Pandemie ist der Ton so mancher User deutlich rauher geworden. Während manch Einer die Plattformen zu nutzen scheint, um sich einmal richtig die Wut vom Leibe zu schreiben, haben die Anderen die Nase gestrichen voll von den Pöbeleien. Bei den Produkten aus dem Haus Meta (insbesondere Facebook und Instagram) sowie bei Twitter können Beiträge gemeldet werden, die entweder falsch sind oder extreme Beleidigungen enthalten und die gegebenenfalls zu einem Ausschluss des Verfassers führen. Aber bei Telegram, dessen Chefetage in Dubai sitzt, reguliert (bisher) niemand. Der Messenger-Dienst wird eigentlich gern von jenen verwendet, die der Überwachung durch Mark Zuckerbergs Meta entgehen wollten. 

Belarussischen Regierungskritikern ist es beispielsweise über Telegram gelungen, sich quasi hinter dem Rücken Lukaschenkos und Putins auszutauschen und zu Protesten zu verabreden. Andererseits wurde gerade in der vergangenen Woche das Ausmaß der fehlenden Regulierung deutlich: Über Telegram wurde ein Mordanschlag am sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmar geplant. Dadurch kam es zu einigen Hausdurchsuchungen von Telegram-Nutzern und offenbaren Initiatoren sowie zu Festnahmen. Seitdem diskutiert die Regierung auch, wie sie die ungezügelten Gewaltaufrufe unterbinden kann. 

Ein weiteres Problem der sozialen Netzwerke ist das Verbreiten von Falschmeldungen. Es ist in der Tat mitunter schwer, bei der Flut an Informationen die „richtigen“ zu erkennen und herauszufiltern. Es gibt allerdings auch einige Faktenchecker wie etwa mimikama.at oder correctiv.org, die darstellen, welche Nachrichten falsch sind und welche nicht. In diesem Punkt wird wiederum das Problem von Telegram deutlich: Dort werden Meldungen völlig ungeprüft in die Welt hinaus geschrie(b)en. Videos werden zusammengeschnitten, Artikel gefaked, Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und einiges mehr. Ein Beispiel ist die nicht nur bei Telegram lautstark und wutentbrannt dargestellte „Verhaftung des Weihnachtsmannes“.  Coronaleugner und Impfgegner posteten lediglich das Video, in dem zu sehen ist, dass ein als Weihnachtsmann verkleideter Mann von Polizeibeamten abgeführt wird. Beschrieben wurde diese Aktion nach dem Motto „Die böse Polizei verhaftet den Weihnachtsmann“. Die „Bild“ und andere Boulevard-Medien gaben diese „Information“ ebenfalls so weiter. 

Aber der Hergang war ein ganz anderer, wie in der Pressemitteilung der Polizei Stralsund zu entnehmen ist. „Am gestrigen Montag kam es in den Abendstunden in Stralsund, Ribnitz-Damgarten und Bergen auf Rügen zu Menschenansammlungen, die Polizeieinsätze nach sich zogen“, heißt es darin und weiter: „Gegen 18 Uhr sammelten sich ohne Anmeldung etwa 65 Personen mit Plakaten und Kerzen auf dem Alten Markt in Stralsund. Diese äußerten augenscheinlich ihre Meinungen gegen die aktuellen Corona-Maßnahmen und eine Impfpflicht.“ Weil es sich um eine nicht-angemeldete Versammlung handelte, mussten die Polizeibeamten die Personalien der Teilnehmer feststellen. Unter den Anwesenden befand sich eben auch jene Person im Weihnachtsmann-Kos-tüm. Der Mann beantwortete die Bitte nach seinem Ausweis ablehnend mit dem Hinweis, dass er schließlich der Weihnachtsmann sei. „Auch die Polizei war überrascht, dass der Weihnachtsmann sich nicht an Recht und Gesetz hält und zudem seine Meinung mit einem Plakat kundtut“, heißt es in der Pressemitteilung weiter. Da der 47-jährige Stralsunder seine Namensangabe verweigerte, sollte er zum Funkstreifenwagen begleitet werden, um dort die Identität festzustellen. Diese „Aktion“ wiederum wurde von anderen Versammlungsteilnehmern gefilmt und in einigen sozialen Netzwerken verbreitet. 

„Im Zuge der weiteren Ermittlungen wurde gegen den 47-jährigen Deutschen eine Anzeige wegen des Verdachts des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte sowie der Beleidigung aufgenommen“, schreibt die Polizei und gibt an, den Mann wieder auf freien Fuß gesetzt zu haben, nachdem dessen wahre Identität endlich geklärt war. Im Anschluss stellte sich übrigens noch heraus, „dass der 47-Jährige bereits mehrfach im Verdacht steht, Straftaten gegen das Versammlungsgesetz im Zusammenhang mit Corona-kritischen Demonstrationen begangen zu haben“, teilt die Polizei Stralsund abschließend mit.

Aus diesem Fall wird deutlich, dass einseitig dargestellte Themen in sozialen Netzwerken für viel Aufregung sorgen und Ärger heraufbeschwören, wo dies eigentlich gar nicht nötig wäre, wenn die Tatsachen bekannt wären. Um aber noch einmal etwas Positives über soziale Netzwerke zu schreiben, auch dafür ein Beispiel: US-Sängerin Pink bescherte einer kleinen Schnapsbrennerei in Vorpommern durch ein einfaches Instagram-Foto horrende Einnahmen. Pink postete ein Foto mit einem Kräuterlikör der Gutsbrennerei Schloss Zinzow und schrieb darunter, dass dies ihr absolutes Lieblingsgetränk sei. Da der Beitrag fast 95.000 Likes bekam (Pink hat bei Instragram rund 8,6 Millionen Follower), wurde die Brennerei prompt leer gekauft… 


Teil IV: Was denn nun? Ausschalten oder ignorieren? – Am besten ist es, „stressfrei“ an soziale Netzwerke heranzugehen und sich zurückzuziehen, wenn es „doof“ wird

Im letzten Teil des Moanatsthemas „Ist social media wirklich sozial?“ wird es Zeit, genau diese Frage zu beantworten. Nach den Darstellungen der vergangenen drei Wochen müss-te die logische Konsequenz eigentlich sein, sich komplett zu „ent-followen“ und alle sozialen Netzwerke abzuschalten. Denn in vielen Fällen sind sie bekanntlich alles andere als sozial. Allerdings tut ein bisschen Unterhaltung gerade in eintönigen Zeiten wie während einer weltweiten Pandemie gut und wenn man ein bisschen mehr Arbeit und Selektion investiert, kann social media doch sozial sein. Wenn man seinen Informationsfluss wiederum auf einschlägige (Telegram-) Kanäle beschränkt, wird man womöglich selbst beschränkt… 

Viele Einrichtungen richten ihr Augenmerk bei diesem Thema auf Kinder und Jugendliche. Zum Beispiel redet die Internetseite klicksafe.de bei sozialen Netzwerken von einem „entwicklungsfördernden Medium“: Social media komme den Interessen von Jugendlichen entgegen und unterstütze beim Bewältigen von Entwicklungsaufgaben. Wörtlich heißt es dort: „Jugendliche brennen darauf, sich selbst darstellen zu können. Interessen und soziales Umfeld repräsentieren schließlich die Persönlichkeit und das wiederum verschafft Anerkennung durch andere. Es ist sehr einfach, andere mit gleichen Interessen zu treffen und sich darüber auszutauschen. Jugendliche sind nicht mehr von den lokalen Gegebenheiten in ihrem Wohnort oder von ihrem direkten Umfeld abhängig.“ Letztlich gebe es in sozialen Medien aber eben auch wie im realen Leben den Gruppenzwang. Sind fast alle Freunde in einem Netzwerk angemeldet, so muss der Jugendliche dieses ebenfalls ausprobieren, um mitreden zu können und „up to date“ zu bleiben.

Genau dieses „Problem“ hat aber beispielsweise Autor Andreas Hock. In seinem Buch „Günther hat sein Käsebrot fotografiert. 342 Freunden gefällt das“ (ISBN: 978-3-7423-0048-5) schildert er, dass er sich von seinem Freundeskreis verstoßen gefühlt habe, als er sich strikt weigerte, sich bei Facebook anzumelden. Teilweise witzig, teilweise zum Nachdenken anregend erklärt Hock seinen Unmut gegenüber sozialen Netzwerken, insbesondere Facebook. Vom Grundgedanken her bedauert er, dass die Kommunikationsmittel seiner Jugend – einfach herüber gehen und klingeln oder mit dem Festnetztelefon ein Treffen vereinbaren – ausgestorben sind. Hocks Grund ist nur einer von vielen, der gegen Aktivitäten in sozialen Netzwerken spricht. Autor Jaron Lanier hat sehr viel „nüchterner“ als Hock deutlich mehr Aspekte zusammengetragen. „Zehn Gründe, warum du deine social media Accounts sofort löschen musst“ (ISBN: 978-3-455-00681-0) heißt sein Buch. Lanier mahnt vor dem Datenmissbrauch der mächtigen social media-Konzerne, vor der Verdummung, die durch die Netzwerke vorangetrieben wird und  vor dem Fall jeglicher Umgangsformen. 

Unwahrheiten sind nicht wieder einzufangen

Worauf sowohl Lanier als auch Hock letztlich hinaus wollen, ist die Tatsache, dass sich in sozialen Medien Verbreitetes nicht wieder „zurückholen“ lässt. Zwar können Posts wieder gelöscht oder die Kommentarfunktion deaktiviert werden, allerdings hat das Internet bekanntlich das unendliche Gedächtnis. Bedeutet: Auf irgendeinem Server schlummert der wieder entfernte Beitrag. Oder er wurde von einem anderen Nutzer bereits gespeichert und auf diese Weise weiterverbreitet. 

Natürlich kann die rasante Geschwindigkeit wiederum gut sein, wenn beispielsweise Warnmeldungen herausgegeben werden und innerhalb von Minuten, wenn nicht sogar Sekunden, die passenden Empfänger finden. Aber in der Realität überwiegt offenbar die viel zu schnelle Verbreitung falscher Meldungen. 

Gerade während der Corona-Pandemie sind in den vergangenen zwei Jahren jede Menge Desinformationen verbreitet worden. Ob russisches Staatsfernsehen RT DE, Querdenker wie Atilla Hildmann und Michael Wendler oder jüngst Kabarettistin Lisa Fitz in der „Spätschicht“ des SWR – sie alle stellen Behauptungen auf, die – dank sozialer Medien – in Windeseile über die ganze Welt geteilt werden und deshalb nicht mehr einzufangen sind.  

Eine zentrale Rolle bei der Verbreitung solcher Behauptungen spielen laut der Tagesschau Netzwerke, zu denen oft Prominente oder Mediziner gehörten. Auf der Internetseite tagesschau.de berichtet die Nachrichtensendung der ARD vom Tun des Instituts für strategischen Dialog (ISD) in London und Berlin. Regelmäßig lege das ISD fundierte Analysen zu Desinformation vor, jüngst beschäftigte man sich mit  der „World Doctors Alliance“ (WDA), einem Zusammenschluss von Medizinern aus den USA, Großbritannien, Irland, Deutschland und weiteren Ländern. Laut tagesschau.de hätten sich die WDA-Mitglieder zu „Superspreadern der Desinformation“ entwickelt, nachdem sie auf Facebook eine immense Reichweite erzielen konnten. Facebook wiederum habe es nicht geschafft, die Inhalte maßgeblich einzuschränken, sodass die vom WDA gestreuten Fake News sich auf der ganzen Welt verbreiteten. 

Ein respektvoller und vorsichtiger Umgang hilft

Bleibt als Fazit festzustellen, dass soziale Netzwerke sehr wohl genutzt werden können, dass aber der Respekt dem anderen Nutzer gegenüber und die Vorsicht gegenüber Nachrichten ohne (seriöse) Quellenangabe unbedingt dabei sein sollten.  

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Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit über 25 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor über 20 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.