Exkarnation

Die Geschichte einer Möglichkeit

Als Seemann habe ich alle Weltmeere befahren. Zuletzt war ich in Hamburg. Mein Sohn Roland wohnt dort mit seiner Familie. Zu seiner kaum dreijährigen Tochter Anna hatte ich ein herzliches Verhältnis. Wir mochten uns sozusagen auf Anhieb.

Jetzt bin ich in Perth/Australien gelandet und möchte auf meine alten Tage mal als Land-Ei unterwegs sein. Es ist um die Mitte des Januars, also Hochsommer hier. So beschließe ich, mir noch einen richtigen Rucksack zu kaufen. Da passen dann auch ein paar Lebensmittel noch hinein. In einem anderen Laden erstehe ich eine kurze Hose, wie man sie hier so trägt. So fühle ich mich richtig gut.

Die Busfahrt geht durch abwechslungsreiche Berge. Als ich nachmittags in York ankomme, habe ich den Eindruck, die Stadt schläft. So gehe ich zu Fuß weiter nach Osten in Richtung Mount Hardey. Ab und zu sehe ich in einiger Entfernung ein paar Kängurus gemächlich vorbei hüpfen.

Nach einigen Stunden wandern sehe ich in der Abenddämmerung etwas abseits der Straße einen sonnenbeschienenen Baumstamm liegen. Ein Ast bietet sich als Lehne für den Rücken an. Ach ja, da kann ich mich gut ausruhen. Ermüdet sinke ich auf den Stamm. Da fühle ich am Oberschenkel einen Biss. Eine Schlange, nicht viel dicker als mein Daumen und farblich fast wie der Baumstamm gezeichnet. Ich will sie wegzerren, aber sie läßt allein los. Dann beginnt der Schmerz und breitet sich ziemlich rasch aus. Zieht bis zur Hüfte und wütet dann im Bauch. Ich versuche aufzustehen, irgend etwas zu tun. Es geht nichts mehr. Der rasende Schmerz erreicht den Brustkorb. Ich kann kaum noch atmen.

Dann verliere ich wohl das Bewusstsein. Den Atem- und später den Herzstillstand nehme ich nicht mehr wahr.


Plötzlich stehe ich in etwa zehn Meter Entfernung von dem Geschehen. Sehe meinen Körper dort in der gleichen Kleidung zusammengesunken sitzen. Alles ist so seltsam grau. Noch Abend oder schon Nacht? Ich habe ein eigenartiges Gefühl, empfinde mich als so leicht. Auch die schrecklichen Schmerzen sind verschwunden. Träume ich?

„Nein!”

Diese Antwort auf meine gedankliche Frage höre ich nicht mit den Ohren. Sie ist unmittelbar in meinem Gehirn.

Silberschnur. Was war damit?

„Du bist getrennt.” Wieder höre ich es auf die gleiche Art. Trotzdem schaue ich verstohlen nach beiden Seiten. Rechts sehe ich ein schwaches, milchiges Leuchten. Nicht mal so viel wie Nebel in der Sonne. Ganz wenig nur.

Na ja, dann bin ich also jetzt ein Geistwesen in einem Seelenkörper.

„Das warst du schon immer, nur jetzt kannst du es erkennen.“

Ach ja, mit dem Thema hatte ich mich ja viele Jahre beschäftigt.

„Ja, nur früher war es ähnlich wie an einem Simulator. Jetzt aber bist du in der Wirklichkeit.“

„Und was ist mit dem Tunnel, den man passieren muss?”

„Schon geschehen. Du warst zu benommen, um es wahrzunehmen. Du wurdest geführt.”

Ach ja, der Schmerz.

„Man soll aber auch noch vor ein Gericht gestellt werden, oder?”

„Ist auch schon vorbei. Ich habe für dich gesprochen. Du darfst in eine etwas höhere Spähre, die ein wenig heller ist.”

Wenn ich jetzt ganz hoch springe? Ich gehe in die Knie und stoße mich ab. Tatsächlich, es geht.

„Ja, aber dadurch kommst du nicht in eine andere Ebene. Ich werde dich führen.”

In den Worten spüre ich ein Lächeln. Langsam bewegen wir uns wieder zur Erde. Seltsam, das Leuchten bleibt neben mir. Ich ahne etwas.

„Wie lange begleitest du mich schon?”

„Oh, sehr lange. Meine Aufgabe war es, für dich zu sorgen seit du in diesem Körper dort drüben warst.”

„Also bist du mein Schutzengel?”

„Ja.”

„Warum hast du mich dann nicht vor dem Schlangenbiss behütet?”

„Deine vorgesehene Erdenzeit war wieder mal beendet. Du musstest exkarnieren. Sei froh, dass du nur so kurze Zeit Schmerzen erlitten hast.”

Ich erinnerte mich. “Dafür war es aber recht heftig.”

„Musste es auch sein. Wird dir später erklärt.”

„Dann werde ich wohl bald alleine klar kommen müssen?”

„Ja, nach dem Anpassungsschlaf.”

Jetzt sehe ich, dass jemand auf mich zu kommt. Ja, eigentlich schwebt. Eine schöne Frau mit strengen Zügen. Das Gesicht ist mir irgendwie bekannt. Nun erinnere ich mich an alte Fotos. Es ist meine Urgroßmutter. Wie jung sie jetzt aussieht! So habe ich sie als Kind niemals gesehen. Ein Gefühl riesiger Freude durchströmt mich. Wir fliegen aufeinander zu und umarmen uns. Es ist eine Glückseligkeit. Sie bedeutet mir, dass ich erst mal schlafen und dann viel lernen muss. Auch mein Körper wird sich danach sicher wieder verjüngen. Es ist seltsam, ich höre keine Worte. Ihre Gedanken sind klar in meinem Kopf.

Langsam trennen wir uns und sie entschwindet bald darauf.

Nun wende ich mich wieder dem Licht neben mir zu. Eine richtige Gestalt sehe ich immer noch nicht.

„Du hast ja sicher einen Namen.”

„Ja, aber der ist für dich nicht wichtig. Erst mal solltest du schlafen.”

Ich spüre, wie meine Hand ergriffen wird und ich sanft fortgezogen werde. Es geht so schräg von der Erde weg. Langsam erkenne ich neben mir eine Gestalt mit einem verständnisvollen, gütigen Gesicht. Wir erreichen eine andere geistige Ebene. Es ist hier ein wenig heller als vorhin. Man kann auch weiter sehen. Grasland, ab und zu ein paar Bäume. Die Farben sind schöner. Manchmal begegnet uns jemand. Ein lächelndes Nicken des Kopfes ist hier der übliche Gruß. Wir kommen zu einem langen Haus mit vielen verhangenen Fenstern, An der Frontseite ist eine große geöffnete Tür. Wir gehen hinein. Ein langer Gang, auf beiden Seiten mit Türen. Manche stehen offen oder sind nur angelehnt. Nur kleine Zimmer sind zu sehen, in eines gehen wir hinein. Auf ebener Erde ist ein weiches Ruhelager. Ja, ich bin jetzt müde. Man gibt mir einen kleinen Trank. Ich lege mich hin und schlafe recht schnell ein.


Wie lange habe ich geschlafen? Das Zeitgefühl ist mir abhanden gekommen. Waren es Stunden, Tage oder gar Wochen? Jedenfalls fühle ich eine Frische im ganzen Körper. Ach ja, was ist wohl mit meinem irdischen Körper geschehen? Und in dem Moment, wo ich mich zurück sehne, bin ich auch schon dort. Oh, er hat sich erheblich verändert. Dingos und andere Fleischfresser waren sehr fleißig. So habe ich es mir schon früher gewünscht. Praktizierte Ökologie.

Irgendwie will ich einen Menschen aufmerksam machen. Ein Polizeiwagen ist auf der Straße unterwegs. Ich versuche, dass der Fahrer empfindet, er müsse mal pinkeln. Das funktioniert. Er hält an und erledigt es.

Beim Umschauen sieht er kurz auf den Baumstamm. Da liegt irgendwie Kleidung. Er geht hin und erkennt alles. Ruft seinen Kumpel. Sie finden die unversehrten Ausweise und auch das Geld. Also war es wohl kein Mord. Na ja, und dann geht alles den üblichen Behördenweg. Die Verwandten werden benachrichtigt. Nur das war mir wichtig.

Ich bewege mich zurück und melde mich zum nächsten Unterricht. Mein Schutzengel hatte mir dies sehr empfohlen.


Irgendwann interessiert es mich aber, was meine Verwandten so tun. Ich will eine Nachricht von meiner Existenz durchgeben. Im Traum ist das leicht. Träume werden aber nicht ernst genommen und meist bald vergessen. Manchmal können auch kleine Kinder im wachen Bewusstsein die Gedanken eines Geistwesens erfassen. Zu Anna habe ich ein besonderes Verhältnis. Ich erkenne jetzt, dass wir in einer früheren Inkarnation Geschwister waren, die sich sehr gut verstanden hatten. Der große Altersunterschied jetzt kommt dadurch zustande, dass sie so mäkelig ist. Mal gefielen ihr die zukünftigen Eltern nicht, mal war es das Land.

Gedankenschnell bin ich bei ihr und versuche ihr Worte zu übertragen.

„Opa möchte mit mir schreiben.”

Ja, es klappt. Sie wiederholt die Worte laut. Das hört wiederum ihr Vater Roland und ist etwas verwirrt. Es passt nicht zu seinem Weltbild. Lächelnd legt er Papier und Bleistift vor sie hin. Bisher hatte Anna einige gekrakelte Zeichnungen damit vollbracht.

Ich fühle mich in ihren rechten Arm, ihre Hand, nehme den Stift und schreibe:

„Danke Anna. Opa geht es gut. Er muss, so wie Du später auch, in eine Schule gehen.”

Dann legt Anna den Bleistift hin und lächelt. Denn sie versteht nicht, was sie geschrieben hat. Bei ihrem Vater, der die geschriebenen Zeilen ließt, die Schrift seines Vaters erkennt, ist Sprachlosigkeit die erste Reaktion.

Unfassbar. Das kann nicht sein. Nein, nein! Er will das Papier zerknüllen. Diesen Gedanken erfasse ich.

Geschwind pascht Anna mit ihrer kleinen Hand darauf.

„Oh, du bist aber schnell!” wundert sich Roland.

„Opa nahm meinen Arm. Was ist das Vati?”

„Du hast ein paar Worte geschrieben.”

Es geht nicht anders. Er muss seine Denkweise ändern. Wie ist das nur zustande gekommen, geht es ihm durch den Kopf.

Anna nimmt noch mal den Stift und schreibt:

„Opa führte meine Hand.”

Diese deutliche Antwort auf seine gedankliche Frage überzeugt Roland. Er erklärt es Anna alles und bittet in Gedanken: Nun ist aber Schluß!

Gegen diesen Willen darf ich nichts tun. Das habe ich schon gelernt. Also verabschiede ich mich mit dem Gedanken: Gott zum Gruß! Anna empfindet dies und spricht es aus.

Danach begebe ich mich zurück in meine Heimat – ins Blaue. Dort gehe ich weiter zur Schule. Es geht hier darum, die Ordnung Gottes zu erlernen und zu beachten.

Bisher habe ich übrigens schon erfahren: In der geistigen Welt gibt es kein

Ende.


Für Leute, die glauben der Tod sei das Ende ihrer Existenz: Dies ist ein Überblick von möglichen Stationen, die wir nach dem Verlassen unseres grobstofflichen Körpers haben können. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Jeder geht seine speziellen Wege.

Für Leute die sich mit dem Thema schon beschäftigt haben ist es – na ja, zugegeben – „Kalter Kaffee“.

von Eberhard Freiding

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Nico Jäkel, geboren 1981 in Helmstedt, ist ausgebildeter Redakteur, selbstständiger Fotograf und ein leidenschaftlicher Hobbykoch mit einer gigantischen Sammlung an Kochbüchern. Seine Markenzeichen sind verschachtelte Sätze. Zusätzlich zu seinem Faible für Produkttestungen, engagiert sich der Lokalpatriot in seiner Heimatstadt Schöningen.