Um Shitstorms, Hate Speech und ähnliche Attacken im Internet geht es in diesem Monat.

In Japan sorgte eine kurzfristig aufgestellte transparente Toilette für Unruhe. Anlässlich des Welttoilettentages am 19. November wurde das WC als Ausstellungsstück vor einem Museum errichtet. Damit sollte auf die hygienischen Missstände der Dritten Welt hingewiesen werden. Japan gilt als eines der saubersten Länder der Welt, kaum vorstellbar für den Großteil der Bevölkerung, dass Menschen ohne sanitäre Einrichtungen auskommen müssen. Und so führte das Betreten der Ausstellungstoilette zu emotionalen Zusammenbrüchen. Obwohl die Toilettenwände durch die Nutzung von Einwegspiegeln nur bedingt durchsichtig waren, die Menschen also zwar hinaus, die Passanten jedoch nicht hinein sehen konnten, verursachte das Begehen der Einrichtung für die nachträglich Befragten Beklemmungen. Alle sagten aus, sie hätten das Gefühl, beobachtet zu werden und fühlten sich peinlich berührt.

Das Symbol für hygienischen Komfort wich im weiteren Verlauf einer Debatte um Sauberkeit, Anstand sowie letztendlich einem kontroversen Diskurs über Meinungsfreiheit und deren Kontrolle. Denn während sich die einen darüber freuen, in einem Land zu leben, in dem Toiletten ein geschützter und intimer Raum sind, fragen sich die anderen, ob die in der Öffentlichkeit allgemein gültige Etikette geschützt durch die vermeintliche Intimität vorsätzlich „das Klo heruntergespült“ werde. 

Wie kommt es zu so einer Denkparallele?

Tatsächlich haben viele Menschen das Bedürfnis, nachfolgenden Besuchern ihr Dasein unter die Nase zu reiben. Beschmierte Toilettenwände sind vom Bahnhofsklo bis zu den sanitären Einrichtungen in Schulen ein großes Problem. Vielmehr waren sie es, wurden sie doch innerhalb der vergangenen zehn Jahre von ausufernden „beschmierten“ Internetforen zu einem lästigen Ästhetikproblem degradiert. 

Doch ist der Vergleich zwischen beschmierten Wänden überhaupt tragbar? Ist das Problem von zur Schau gestellter Meinungsäußerung gar kein neues und wann genau gilt das Recht der Meinungsfreiheit rechtlich als Problem? Sind Hasstiraden im Netz vielleicht das Graffiti der digitalen Neuzeit?

Der Unterschied sitzt vor allem im Grad der (möglichen) Verbreitung. Wer sich mit schriftlich fixierten Anfeindungen, niedergeschrieben auf Schulpulten, Toilettenwänden oder schlimms-tenfalls auf Häuserwänden in der Stadt konfrontiert sah, dessen Spott blieb örtlich begrenzt und überschaubar. Im Internet gilt eine andere Reichweite: Ob in sozialen Medien, Nachrichtenportalen mit Kommentarfunktion oder anderen Plattformen, die den Dialog ihrer Nutzer ermöglichen – mit nur einem Klick können Millionen Menschen informiert werden. Hate Speech, Hetze im Internet, ist ein massives gesellschaftliches Problem geworden. Die Tragweite, die Hasskommentare inzwischen erreicht haben, macht eine forsa-Umfrage deutlich: Zwei Drittel aller befragten Personen gaben an, bereits mit dem so genannten Hate Speech in sozialen Netzen, Internetforen oder Blogs konfrontiert worden zu sein, in der Altersgruppe der 14- bis 24 Jährigen waren es sogar über 90 Prozent. Hingegen klein gibt sich mit einem Prozent die Gruppe, die zugab, bereits selbst hasserfüllte Kommentare gepostet zu haben. Außen vor ist die ältere Generation; die befragten Personen über 67 Jahre kannten den Begriff Hate Speech lediglich aus medialen Berichterstattungen. Internethetze habe „viele Gesichter, aber ganz konkrete Zielgruppen“ – Frauen, Homosexuelle, Juden und Migranten, so die Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag, Katharina Schulze. Sie fordert ein Umdenken sowie strengere Regeln. Doch wie diese Regeln aussehen könnten, darüber herrscht parteiübergreifend Ratlosigkeit, was auch an der schwammigen Definition von Hate Speech liegt.  Schwammig, weil sie sich auf Gefühle der Betroffenen bezieht , die sich durch Kommentare nicht herabgesetzt fühlen dürfen. Doch wie definiert man ein Gefühl?

Und wie lässt sich Meinungsfreiheit eingrenzen? Vor allem: Darf diese überhaupt staatlich kontrolliert werden? 

Rechtliche Vorgehensweisen erweisen sich demnach als schwierig, aber auch Initiativen, die Opfern helfen wollen und präventive Aktionen, die in Aggressionstraining und Sensibilisierung  sowie Stärkung der Medienkompetenz die Lösung sehen, kratzen nur an der Oberfläche. Ignoriert werde, so Social Media-Experten, dass Hate Speech kein Problem der Digitalisierung ist, sondern ein gesellschaftliches. Offline wird hasserfülltes Verhalten jedoch klarer abgelehnt, im Netz hingegen hilft der Schutzmantel der Anonymität. Auch sei die Funktion und der Algorithmus sozialer Plattformen generell förderlich für Empörung und Wut, verriet die Extremismus-Forscherin Julia Ebner in einem Interview. 

Eine aktuell viel genannte Lösung gegen Hate Speech nennt sich „Counter Speech“ und ist simpel: Die Ablehnung der Offline-Welt müsse online gelebt werden, „normale“ Internetuser sollen friedlich auf Hasstiraden antworten, um den Urheber zur Mäßigung zu bewegen. Unliebsames Verhalten müsse wahrgenommen statt gelöscht, blockiert oder gemeldet zu werden. 

Diese sicherlich für die Justiz sowie für die Betreiber von Plattformen bequemste Lösung zielt auf einen Zerfall der gefühlten Anonymität ab. Oder anders gesagt: auf eine vorgetäuschte Transparenz, ähnlich vielleicht dem eingangs erwähnten Ausstellungsstück, soll demnach die gefühlte Freiheit der Nutzer eingeschränkt werden. 

Wann wird kritische Meinungsäußerung zur Hetze?

Mit einem Vergleich zwischen beschmierten Toilettenwänden und Hetzparolen im Internet wurde im vergangenen Monat das Problem der „Hatespeech“ im Netz thematisiet. Die darauf folgende Diskussion, von der wir einen Leserbrief als Beispiel im Ganzen veröffentlichen, zeigte, wie Vielschichtig nicht nur die Meinungen im Netz, sondern auch die Lösungsvorschläge sind. 

Fest steht: „Der Streit um den Streit ist so alt wie das Internet selbst“, wie es Franz-Josef Lersch-Mense, der früherer Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien und Chef der  Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, in einem Vorwort für eine vom grimme-Institut ausgelegte Studie mit dem Thema „Online Hate Speech – Perspektiven auf eine neue Form des Hasses“ formulierte. Mehr noch: Der Streit um angebrachte Verhaltensregeln ist so alt wie die Menschheit selbst. 

Denn fest steht auch: Wo immer sich Menschen begegnen, prallen verschiedene Meinungen und Bildungsschichten aufeinander, deren unterschiedliche Verhalten und Erwartungen zwangsläufig zu Konflikten führen. Egal ob online oder offline. Familienfeiern sind ein gutes Bespiel dafür, eben so wie Großraumbüros und Fernsehsendungen, bei denen immer wieder gerne mehrere Menschen in Extremsituationen zusammen geführt werden. 

Außenstehende beobachten solche (gestellten) Szenarien meist belustigt

Ein Problem sind andere Meinungen meist immer erst dann, wenn man selbst betroffen zu sein scheint oder sich einfach nur angesprochen fühlt. 

Das Internet ist in diesem Beispiel auch nur ein Raum, in dem mehrere Menschen zusammentreffen, um über ein Thema zu diskutieren. 

Seit dies online möglich ist, gibt es auch die Aufstellung von Verhaltensregeln für die Diskussionskultur in Internetforen: Die so genannte „Netiquette“ erinnert daran, dass der Gesprächspartner im Netz ein Mensch ist, dass Debatten nicht persönlich werden sollten und dass auf „Provokationen um der Provokation willen“ zu verzichten ist. 

Die Frage der Netiquette geht alle etwas an, denn immerhin nutzen alleine in Deutschland über 80 Prozent das Internet – die Altersgruppe von 14 bis 49-Jährigen ist dabei vollständig online. Laut einer forsa-Umfrage  gibt diese Gruppe auch an, am häufigsten von Beleidigungen, Hatespeech oder gar Mobbing über das Internet betroffen zu sein. 

Dennoch, so das Feedback der Leser unserer Zeitung, sollte ein Ansatz,  wie eine Diskussion im Internet zu führen ist, nicht staatlich kontrolliert werden. Vielmehr sei eine Sensibilisierung für das Internet, für Meinungsfreiheit und Toleranz im Allgemeinen, vor allem für die jüngeren User sinnvoll – als eine Art Online-Sozialisierung. Zumal die Hetze selbst tatsächlich von einem geringen Teil der User aus betrieben wird. 

Dazu gehöre auch eine angemessene Selbstregulation, die Fähigkeit, Frust und Aggressionen zu beruhigen, ohne sie an seinem Gegenüber auszulassen. 

Dass Kritik nicht mit Gegenkritik  wegargumentiert werden kann, wird im besten Fall schon Kindern beigebracht. Dennoch fällt es den meisten Menschen schwer, sich an Diskussionen sachlich zu beteiligen. Grund dafür sind im direkten Gespräch emotionale Faktoren, die dafür sorgen, dass wir Gesagtes persönlich nehmen und in einen kontraproduktiven Verteidigungsmodus verfallen. Kommunikation ist viel zu komplex und läuft immer über mehrere Kanäle, wie es der Sprachwissenschaftler Paul Watzlawik in seinem Sender-Empfänger-Modell anschaulich darstellte. 

Diese besagt, dass das Verstehen einer Nachricht von mehreren Faktoren abhängig ist: Wie wird etwas gesagt, welche Wortwahl und welche Lautstärke wird benutzt, welche Körperhaltung nehmen die Sprechenden ein, in welcher Beziehung stehen sie zueinander? sind nur einige der vielen Elemente, die durch unexplizite Sprachformen wie etwa Ironie noch komplizierter werden. 

Dies macht die schriftliche Kommunikation noch verwirrender, da wichtige Komponenten, wie der Körpersprache, die Betonung der Wörter sowie letztendlich ein klarer Beziehungsstatus der Betroffenden fehlt. 

Wer im Internet kommuniziert, kennt sein „Gegenüber“ nicht; weder seine Herkunft, sein Bildungsniveau und seine Sprachkompetenz, seine Erziehung, seine derzeitige Laune noch andere persönliche Hintergründe, die zu der von ihm vertretenden Meinung führen, sind bekannt. Selten erklären wir unsere Meinung a la „Ich bin dagegen, weil ich diese Befürchtung  oder ich  jene Erfahrung gemacht habe.“

Viele würden darauf antworten, dass sie dies ohnehin nicht interessiere, vergessen aber dabei, dass ohne ein umfassendes Hintergrundwissen niemals eine produktive Streitkultur zustande kommen kann. 

All‘ diese Regeln sind schwer zu befolgen, insbesondere in der Hitze des Wortgefechtes. 

Doch alleine die Akzeptanz, dass mehrere Meinungen nicht nur zulässig, sondern auch erwünscht sein sollten, sowie das Bewusstsein, dass diese Toleranz anderen schlichtweg fehlt, könnte den Frust im Internet senken. 

Lesermeinung zum Monatsthema

Leser Alexander Heiser schrieb zum Thema: „Hate Speech“ beziehungsweise Hassrede als solche ist meines erachtens nach ein Politikum. Ein Begriff, dem die Bedeutung als solche fehlt und so zum „Buzz word“ wird.

Wenn man zum Beispiel auf polizeiliche Statistiken hinweist, in der Migranten einen großen Teil der Sexualstraftaten begehen (bei 39.829 erfassten mutmaßlichen Straftaten sind 11.439 von nicht Deutschen begangen worden, was circa 28 Prozent entspricht) , qualifiziert sich dies bereits als „Hate Speech“ oder „Hetze“ ?

Oder wenn man sich kritisch zu dem Thema Fridays for Future beziehungsweise der Klimapolitik äußert, zum Beispiel das man die tatsächliche Effizienz von Maßnahmen zum Klimaschutz seitens des Gesetzgebers hinterfragt (die 15 größten Schiffe stoßen so viel Schadstoffe aus wie 750 Millionen Autos) ist man dann ein „Hater“ ? Oder betreibe ich bereits Hassrede ?

Kein zivilisierter Diskurs sollte jemals überhaupt mit solchen „Kampfbegriffen“ in Kontakt kommen, da diese dem Diskussionsklima massiv schaden. 

Twitter und Co. sind eben auch keine Plattformen für eine zivilisierte Diskussion. 

Es wird immer Menschen geben die extremistische, antisemitische oder rassistische Ansichten vertreten und diese auch äußern werden. Genauso wird es immer Leute geben die Misogynistisch/Misandrystisch ticken oder schwulenfeindlich sein werden. Witze wird es auch immer geben, auch Witze die genau darauf abzielen nicht politisch korrekt zu sein und wie mit allem anderen ist auch Humor Geschmackssache.

Man sollte nur nicht die Debatte ausschließlich mit negativen Beispielen aufblasen und somit das Bild erzeugen das es ohne Staatliche Intervention nicht geht. Ob nun online oder offline bleibt einem nicht viel anderes übrig, als nicht alles, was einem an den Kopf geworfen wird, ernst zu nehmen, weil man eben eher an sich und seiner Reaktion arbeiten kann als an dem Verhalten anderer. 

Die Ansicht, das man über den Gesetzgeber das „korrekte“ verhalten erzwingen sollte, halte ich für falsch und einen Schritt in die falsche Richtung.

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Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit über 25 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor über 20 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.