Über den Wert von Nationalstolz und Patriotismus wird im Monatsthema “Patriotismus versus Vaterlandsliebe” diskutiert.

Es war ein Paukenschlag, der vor 150 Jahren durch die deutschen Medien ging. Mit dem „triumphalen Ausgang“ in der Schlacht von  Sedan verbuchte der damalige Ministerpräsident Otto von Bismarck am 2. September 1870 den entscheidenden Sieg im Deutsch-Französischen-Krieg, der auf französischer Seite weitaus mehr als die Kapitulation der französischen Truppen, die Abdankung und Gefangennahme des Kaisers Napoléon III. sowie die Ausrufung der dritten Republik zur Folge hatte.

Das Monatsthema beschäftigt sich mit der Frage, wie und ob sich „Vaterlandsliebe“ ethisch auf die Moderne übertragen lässt

Die atemberaubende Schnelligkeit, mit der die deutschen Armeen die Grande Nation zu Fall gebracht hatten, überraschte die ganze Welt und deklassierte Frankreich – eine Nation, die seit dem Dreißigjährigen Krieg in faktisch allen Belangen in Europa das Sagen hatte. Die Schmach über die totale Niederlage und die damit einhergehende Aufgabe der Privilegien ausgerechnet an die bis dahin gönnerhaft belächelten Deutschen (Hildebrand, Das vergangene Reich) saß so tief, dass es die Beziehung der beiden Nationen sowie auch die Geschichte Europas weit über die folgende Hektode prägte.

Grenzenlos: Haben nationale Werte ausgedient?

 

Für Deutschland als Norddeutschen Bund schloss sich mit der darauf folgenden Reichsgründung unter der Führung des preußischen Königs Wilhelm I., der ausgerechnet in Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert worden war, und Bismarck selbst als neu ernannten Reichskanzler die über mehrere Jahrzehnte andauernde Reichsgründungsepoche, die mit dem Aufflammen eines durch Studenten entdeckten Nationalstolzes ihren Anfang nahm und einen deutschen Patriotismus begründete, dem 100 Jahre später durch die Unterdrückung während des Nationalsozialismus jegliche positiv zu wertenden Gefühle genommen wurden, sodass der Begriff Patriotismus heute meist nur mit einem beschämenden Beigeschmack genannt werden und keiner mehr mit Gewissheit sagen kann, was sich noch hinter dem Gefühl der „Vaterlandsliebe“ verbirgt. 

Eben dies soll im Rahmen des aktuellen Monatsthemas geklärt werden. Welchen Wert hat Nationalstolz heute noch? Sind Begriffe wie Patriotismus und Vaterlandsliebe Relikte der territorial gesinnten Motivation der vergangenen Jahrhunderte? Und ist für diese Begriffe in modernen Zeiten, in denen es Ziel ist, über die Landesgrenzen hinweg zu sehen, um sich  – wenn überhaupt – als Teil einer Gemeinschaft (als Europäer) zu sehen, noch Platz?

Eher Scham statt Stolz? 

 

Wie sehr die historischen Ereignisse, die immerhin als Geburtsstunde Deutschlands bezeichnet werden können, aus dem Bewusstsein verschwunden sind oder zumindest die damalige Wertigkeit verloren haben, macht eine Schilderung des Schriftstellers und Historikers Jan Demas deutlich, der über die Problematik der Fernsehredakteure vor 40 Jahren schrieb, die zum Sendeschluss gespielte Nationalhymne mit Bildern zu unterlegen. „In einer Republik, die jedem nationalen Pathos für immer abgeschworen hatte, ließ sich gar nicht ermessen, wie heikel diese Aufgabe war.“ Alleine schon die Entscheidung, nach den Nachrichten das Deutschlandlied zu spielen, hatte im Vorfeld für reichliche Diskussionen gesorgt. Undenkbar wäre es 1980 gewesen, zur Hymne auch noch die Flagge zu zeigen. Das nationale Symbol, welches überall sonst auf der Welt mit Selbstverständlichkeit präsentiert wurde, löste bei der deutschen Nachkriegsgeneration ein beklemmendes Gefühl aus. 

Wer überhaupt noch Kenntnisse über  deutsche Geschichtsfakten vor den zwei Weltkriegen hat, glorifiziert die Ereignisse nicht, sondern empfindet die triumphalen Kriegsberichte eher als prekär. Der „Sedantag“ – bis 1919 ein nationaler Feiertag – ist längst ein verstaubtes Datum in Geschichtsbüchern, Bismarck eher Kriegstreiber statt Einheitsheld. 

Die Suche nach dem „guten“ Teil der Geschichte

Als Rettung fand sich ein Gebäude – das Hambacher Schloss, Wiege der deutschen Demokratie und Symbol für den „guten Teil“ der deutschen Geschichte. Bevor der deutsche Triumph unter Bismarck zum Kriegsgeheul mutierte, das die Katastrophen des 20. Jahrhunderts ankündigte. Im Mai 1832 war Nationalstolz eine Hoffnung und Patriotismus eine Tugend. Tausende Vertreter des neuen aufstrebenden Bildungsbürgertums trafen sich zum Hambacher Fest, um für ein vereintes, freies Deutschland zu demonstrieren. Am Schloss wurde eine Flagge in den Farben Schwarz, Rot, Gold gehisst. Schon 1817 hatten Studenten auf dem Wartburgfest jene Farben als Symbol für die Einheit und Freiheit Deutschlands geschwenkt.

Der Festredner und Initiator des Bürgertreffens, Philipp Jakob Siebenpfeiffer, trug eine schwarz-rot-goldene Schärpe mit der Aufschrift „Deutschlands Wiedergeburt“ und er prophezeite ein vereintes Land, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt miteinander lebten und in dem sich niemand wie ein Knecht unter das Joch der Fürs-ten beugen müsse, „sondern dem Gesetze gehorcht, und auf den Tafeln des Gesetzes den eigenen Willen liest“.  Die Rede wurde von den 30.000 Festteilnehmern gefeiert, Siebenpfeiffer selbst wurde kurze Zeit später inhaftiert. Das Anschwellen eines deutschen Nationalstolzes verfolgte der Journalist aus dem Schweizer Exil, die knapp 40 Jahre später durch die Reichsgründung umgesetzte deutsche Einheit erlebte er indes nicht mehr.

Von der Idee des „guten, tugendhaften Bürger“ zum nationalen Vollstrecker 

Wer sich mit der Frage, welchen Wert Patriotismus, Vaterlandsliebe und Nationalstolz  in einer Zeit, in der es Anspruch ist, eine globale Gemeinschaftsstärke über nationale Ziele zu stellen, noch haben, beschäftigt, kommt nicht darum herum, sich nach Definition und des Ursprungs der Bezeichnungen zu erkundigen. 

Der Duden erklärt den Patriotismus als „Liebe zum Vaterland“ beziehungsweise als „verländische Gesinnung“ und verwendet die Bezeichnungen quasi syno-nym.  Als Beisatz wird hinzugefügt, dass sich die Begriffe häufig auf eine Nation beziehen, was zwar die emotionale Verbundenheit zum „Nationalstolz“ erklärt, nicht aber deren Bemächtigung durch populistische und rechte Bewegungen, die Patriotismus mit Nationalismus oder gar mit Chauvinismus gleichsetzen. Ein Grund, weshalb sich der Großteil der Deutschen von einer patriotischen Gesinnung distanziert. 

Obwohl der Unterschied laut Wortdefinition klar durch eine aggressive Abgrenzung anderer Völker und Rassen gegenüber besteht („Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet“, formulierte es der frühere Bundespräsident Johannes Rau 1999), werden die Begriffe selbst in wissenschaftlichen Texten gleichgestellt, da ein „gelebter Unterschied“ historisch nicht belegt werden könne (nach Maurizio Viroli: „Essay on Patriotism and Nationalism“). 

Zu Patriotismuszeiten waren die Grenzen “anders”

Dabei enstand die Bezeichnung Patriotismus in einer Zeit, in der  es noch keine nationalen Grenzen wie sie heute bekannt sind gab. 

Die ursprünglichste Art und Weise, den Patriotismus zu beschreiben, gibt das griechische Wort „patria“ der frühen Antike, welches für die Abstammung und die Familie stand, der man angehörte. Territoriale Grenzen und somit eine Bindung zu einem „Vaterland“ hatten zu jener Zeit nur wenig Bedeutung. Damals gab es lediglich politische Gemeinschaften, die sich über einen gemeinsamen Versammlungsort definierten. Der aufkommende Begriff Patriotismus bezog sich allenfalls auf Personengemeinschaften, die sich in den damaligen „polis“ zusammengetan hatten. 

Erst mit der Entstehung des Römischen Reiches und der exponenziellen Verwendung des Lateinischen kam die Verehrung der Vaterstadt (Rom) hinzu: Die „patria civitatis“ stand für eine politische Idee, alle Individuen, die das römische Bürgerrecht besaßen, zu einer Gemeinschaft, dem römischen Staat, zu vereinen. Da alle Provinzbewohner das Bürgerrecht erhielten und das Römische Reich sehr viele Völker umfasste, gab es auch zu jener Zeit keinen abgrenzenden Aspekt. Vielmehr enstand der Patriotismus aus dem herrschenden Kalkül, dass sich ein Imperium besser kontrollieren ließe, wenn alle der gleichen Verfassung unterstünden. 

Es war der Sprung vom Patrioten, der dem Wohl seiner Gemeinschaft diente, zu einem Patriotsmus, der für das Recht und die Verfassung aller Bürger einsteht. 

In der Aufklärung oft beschworen

Dieser so genannte bürgerliche Patriotismus oder auch Verfassungspatriotismus wurde in der Aufklärung sowie vor allem im 18. Jahrhundert oft beschworen. Dieser Patriotismus war ein Idealbild des aufgeklärten, guten Bürgers, der ein Interesse an der Wohlfahrt haben und rechtschaffend sein sollte. Wie groß die verbundene patria war, wurde nicht genau definiert. Es wurde nicht nach dem Dorf, der Region, dem Land oder gar nach ganz Europa gefragt; der perfekte Patriot habe über seiner Familie hinaus der gesamten Menschheit zu dienen. 

Diese Tugend (Gemeinnutz über Eigennutz) diente Staatsoberhäuptern im Zuge der Französischen Revolution, sich selbst und ihr Handeln zu legitimieren. Der mit dieser Ära in den Köpfen vieler verankerte Aspekt des Nationalismus definiert sich jedoch durch eine Einigkeit von Volk, Staat und Territorium – auch eine Demokratie ist nur innerhalb dieser Grenzen möglich. Hingegen hat es eine moderne Gesellschaft nicht mehr nötig, ein Volk zu definieren; unabhängig der Zugehörigkeit kann jeder an der Demokratie und den bindenden Gesetzen teilnehmen. 

Ein Aufrüsten für die Fußballgemeinschaft

Als Patriotist möchte sich seit der Nachkriegszeit kaum noch ein Deutscher bezeichnen – zu sehr werden die Begriffe mit Nationalismus oder gar Chauvinismus gleichgesetzt.  Wer sich stolz die Nationalflagge schwenkend zur Vaterlandsliebe bekennt, muss sich nicht selten eine Nähe zur rechten Szene vorwerfen lassen. Dabei hat die Bezeichnung Patriot nichts mit national(istisch)en Gefühlen gemein (wir berichteten). Ein Patriot grenzt nicht aus, er dient dem Wohl seiner Gemeinschaft.

Selbst Hitler nutzte den Patriotismus nie zu Propagandazwe-cken, er und sein Gefolge bedienten sich einzig einer verklärten, ideologisierten bis plakativen Idee des „Deutschen Volkes“ – es ging um das große Ganze, nicht um einen Einzelnen. 

Dennoch: sich im Alltag in die Farben Schwarz-Rot-Gold zu hüllen, gilt als verpönt, wenngleich es durchaus modisch angesehen ist, Flaggen anderer Nationen auf Shirts oder Kappen zu tragen. 

Als „ein albernes Stück Stoff, ein Euphoriefetzen für Einfältige“ beschrieb die Zeitung „taz“ die Deutschlandfahne in Bezug auf den Fußball-Patriotismus, der spätestens im zweijährigen Rhythmus den „Deutschen die größte Gemeinschaft beschwören lässt, die er kennt“. 

Kein politisches oder soziales Ziel, kein Links und kein Rechts könnten je so große Gefühle auslösen wie es die nationale Idee vermag, heißt es weiter im Kommentar. 

Tatsächlich entfesselte sich erstmals vor 30 Jahren – mit der deutschen Wiedervereinigung,  die mit dem Sieg der deutschen Fußballmannschaft zur Weltmeisterschaft 1990 einherging – die Renaissance des Patriotismus, die selbst Vertreter des Verfassungspatriotismus für eine gemeinsame Idee zu entflammen vermochte. 

Ganz Deutschland war eins im Taumel um den gesamtdeutschen Fußballsieg – zumindest für den Moment der Feierlichkeiten, der sich in Etappen über mehrere Monate hielt. Dazwischen und vor allem nachdem die Euphorie der nüchternen Erkenntnis wich, dass das nationale Gewand schlichtweg zu schwer auf den durch die Vergangenheit nachhaltig belasteten Schultern wiegt. 

Integration und Integrität für die Einheit

Der nationale Gedanke wurde durch das größere Ziel, in dem sich die Grenzen für eine europäische Gemeinschaft aufzulösen haben, ersetzt – ein Pakt, den Deutschland für die Wiedervereinigung schloss: „Das Grundgesetz legte zwei außenpolitische Staatsziele fest: die Wiedervereinigung Deutschlands und die europäische Integration“, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung und betont, dass sich beide Ziele nicht widersprechen. „Vielmehr ist die Europäische Union die Voraussetzung für einen deutschen Gesamtstaat gewesen“. Die Einigung Deutschlands beruhe nicht auf einem nationalstaatlichen Anspruch, sondern auf der Einsicht der Verpflichtung Deutschlands in Europa. Dennoch wurde sie von den Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft keineswegs als unproblematisch angesehen. Vor allem Großbritannien und Frankreich fürchteten eine deutsche Hegemonie aufgrund der Einwohnerzahl eines vereinten Deutschlands, der Wirtschaftskraft sowie nicht zuletzt wegen der Stärke der Deutschen Mark. Als Konsequenz einigte man sich auf die Europäische Währungsunion und verankerte überdies die europäische Einigung mit einem neuen Artikel als außenpolitisches Staatsziel in das Grundgesetz. Deutschlands primäres Ziel sei nicht der einheitliche Staat, heißt es, politisches Ziel solle es sein, das europäische Staatensystem und damit den Frieden zu sichern. 

Damit entsagte Deutschland jedem nationalen Pathos; eine Einstellung, die sich vor allem Angela Merkel zu Herzen nimmt und für Kontroversen sorgt: Das Video, in dem die Bundeskanzlerin während der Siegesfeier der CDU nach der Bundestagswahl 2013 dem damaligen Generalsekretär Hermann Gröhe entnervt das Deutschlandfähnchen aus der Hand riss und von der Bühne entfernen ließ, wurde in den sozialen Medien heiß diskutiert. Dem Vowurf, eine „Anti-Deutsche“ zu sein, begegnet sie regelmäßig im Stadion, wenn sie leidenschaftlich mit der Nationalelf mitfiebert, feiert und leidet.  In solchen Situationen blickt die Kanzlerin zwar ebenso genervt auf die wehenden Flaggen, aber wohl nur, weil diese ihren Blick auf das Wesentliche trüben. Der „Kampf“ der Mannschaft, die sich in punkto Taktik und Ausdauer mit anderen Nationen misst – wohlgemerkt    „zivilisiert und regelkonform“. 

Sportliche Vaterlandsliebe ist okay

Fürwahr scheint der Fußball der einzige akzeptable Moment, in dem es den Massen erlaubt ist, „Farbe zu bekennen“, „Flagge zu zeigen“, „sich zu rüsten“. 

Der Sport – allen voran der Fußball – bringt den Deutschen zugleich die Möglichkeit der Identifikation als auch die der Abgrenzung, ohne eine pathologische Verrufung befürchten zu müssen. Ob Europa- oder Weltmeisterschaft, Deutschland darf zu diesen Anlässen in einem Meer aus Flaggen versinken ohne angefeindet zu werden. Dammbruch für diesen „entspannten“ Patriotismus war das so genannte Sommermärchen 2006, als „Die Mannschaft“ während der WM im eigenen Land das Halbfinale erreichte. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ war damals Motto und Aushängeschild der deutschen Weltmeis-terschaft. „Da reicht es wohl nicht ein Bier zu trinken“, kritisierte die „taz“, „nein, es muss ordentlich gekämpft werden.“ 

Vom Ausland hingegen wurde  die „neue Deutschigkeit“ positiv bewertet. So schlussfolgerte die englische „Times“: „Alles in allem sind sie nicht so schlecht, die Deutschen.“  „The Guardian“ ergänzte: „Beim Betrachten der verrückten Ausgelassenheit, kommt man kaum daran vorbei festzustellen, dass dieses Land in den vergangenen fünf Wochen eine unumkehrbare und grundlegende Veränderung durchgemacht hat.“ Und die niederländische Presse befand: „Die Deutschen hatten Recht: Die Welt war zu Gast bei Freunden.“

Probleme wie die Corona-Pandemie, „Migration oder Klimawandel lassen sich nicht auf nationaler Ebene lösen“

Zum Abschluss des Monatsthemas befragte der HELMSTEDTER SONNTAG  den Historiker Dr. Tobias Becker zu seiner Meinung, wie viel Wert Begriffe wie Patriotismus oder Nationalstolz aus heutiger Sicht noch haben (sollten). Der  wissenschaftliche Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut London ist Mitglied des Referrentenstabs der Helmstedter Universitätstage, während derer Becker einen Vortrag  „vom Nachteil und Nutzen der Sehnsucht nach Vergangenheit“ hielt. 

„Ich liebe keine Staaten, sondern meine Frau“

Wieso fällt es den Deutschen schwer, sich und ihr Land zu lieben? Kann, beziehungsweise sollte Deutschland in diesem Punkt vom Ausland lernen? 

Becker: Mit Bundespräsident Gustav Heinemann—“ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau”—geantwortet, bin ich weder sicher, ob man ein Land lieben kann, noch ob man das sollte. Ich habe gerade sechs Jahre in Großbritannien gelebt und habe dort aus der Nähe beobachtet, welche negativen Folgen Patriotismus und Nationalismus haben können. Sich und die eigene Nation kritisch zu sehen ist wesentlich produktiver. Viele Deutschen haben aus ihrer Geschichte—zwei Weltkriege, eine vierzigjährige Teilung—gelernt, welche Folgen übersteigerter Nationalismus haben kann und sind vorsichtig geworden. Das ist begrüßenswert. Positiv von anderen Ländern zu lernen wäre, dass Nation alle Bürger, egal welcher Herkunft und Hautfarbe im gleichen Maße mit einschließt.

Zur Zeit finden wir zwar ausgeprägte Nationalismen, diese scheinen aber keinen oder nur begrenzten Zusammenhalt zu spenden. In vielen Ländern, gerade in solchen wo der Nationalismus hoch im Kurs stand und steht, ist doch eher eine extreme Spaltung der Bevölkerung auffällig entlang unüberwindlich scheinender Gegensätze. 

Wie sieht es mit Stolz auf seine Herkunft aus?

Becker: Stolz wäre noch mal ein Thema für sich. Ich glaube, daran gebricht es den Deutschen eigentlich weder auf der persönlichen noch auf der internationalen Ebene. Es gibt ja zum Beispiel mitunter auch einen ausgeprägten Stolz darüber wie man (gerade im Vergleich zu anderen Ländern) mit den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte umgeht, so dass selbst diese dann wieder zu einer Ursache für Stolz werden kann.

Abgrenzende Identifikation wird zu einem Problem

Wieso ist ein Nationalpatriotismus verpönt, im Kleinen – zum Beispiel als Lokalpatriotismus – oder zu besonderen Events durchaus akzeptiert bis kalkuliert?

Becker: Ich habe nicht das Gefühl, dass Nationalpatriotismus generell verpönt ist. Noch ist Lokalpatriotismus notwendigerweise immer etwas Gutes. Wenn die Identifikation mit einem Ort oder eine Gruppe zum Engagement für diese führt, ist sie zu begrüßen. Sie wird jedoch dort zum Problem, wo sie nicht ohne Abgrenzung gegen andere Gruppen auskommt. Der Nationalismus kam in seiner Geschichte fast nie ohne die Abgrenzung gegen ein anderes aus, gegen das es sich zusammenzuschließen galt. Historisch gesehen dient er der Mobilisierung breiter Bevölkerungsschichten im Krieg und diese Gewaltgeschichte hat er bis heute nicht abgestreift.

Die Fußballweltmeisterschaft 2006, bei der Deutschland als Gastgeber fungierte, wird als Dammbruch für den deutschen Patriotismus angesehen, die offen ausgelebte Kehrtwende zum feiernden Patriotismus wurde von der ausländischen Presse als sympathisch bewertet. Einzig die italienische „La Repubblica“ schrieb über die deutsche Menschenmenge: „Sie wirken immer so, als hätten sie eine natürliche Fernbedienung. Die Furcht, die daraus entsteht, ist, in wessen Händen der Kontrollknopf letztlich landet.“ Kann daraus abgeleitet werden, dass auch der Euphorie Grenzen gesetzt werden muss, um kontrollierbar zu bleiben? 

Becker: Die Euphorie der Fussballweltmeisterschaft galt doch wohl eher einem Fussballereignis—dem Erfolg der eigenen Mannschaft wie der Freude im Mittelpunkt eines globalen Ereignisses zu stehen—als der Nation. Ich bin nicht sicher, ob sich darüber tatsächlich etwas für die Konjunktur des Nationalismus ablesen lässt. 

Nationalismus wird ewig in der Welt bleiben

Hat ein deutscher Patriotismus aufgrund der nationalen Vergangenheit eine Rechtfertigung? Anders herum gefragt; Wenn nur der, der seine Vergangenheit kennt, eine Zukunft hat (Humboldt), wie kann die Zukunft der Vaterlandsliebe aussehen? 

Becker: Lässt sich Vaterlandsliebe generell  – insbesondere hinsichtlich dem angestrebten Modell der Europäischen Gemeinschaft – auf die Moderne übertragen? Und wie wichtig ist ein Nationalbewusstsein für die Identifikation des einzelnen Bürgers?

Dieser Frage liegt die Annahme zugrunde, dass Nationalismus etwas vormodernes sei. Tatsächlich aber ist er erst mit der Moderne (grob gesagt, seit der Französischen Revolution) in der Welt und es ist anzunehmen, dass er ewig darin bleiben wird. Wie wichtig er für die einzelnen Bürger ist, müssten diese jeweils für sich selbst entscheiden. Es ist nicht undenkbar, dass er zwischen regionalen und größeren Identifikationsangeboten verschwinden könnte. Momentan hindert uns in Europa der Patrikularnationalismus eher daran internationale und globale Strategien zu entwickeln, denen wir dringend bedürften.

Manche Experten sehen im „Verfassungspatriotismus“ die Zukunft eines globalen Zusammengehörigkeitsgefühl. 

Becker: Da es bislang keine globale Verfassung gibt, ist auch ein globaler Verfassungspatriotismus nicht denkbar. Was denkbar und wünschenswert ist, dass sich die Menschen als Bürger eines Landes, sondern der Erde begreifen. Probleme wie die Corona-Epidemie, Migration oder Klimawandel lassen sich nicht auf nationaler Ebene lösen. Die Menschheit müsste eine Art planetarischen Patriotismus entwickeln, der sie dazu veranlässt, die Erde zu bewahren statt sie zu zerstören.

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Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit über 25 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor über 20 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.