Es geht um die Behauptung, dass mehr Tests den Inzidenzwert in die Höhe treiben würden.

von Katja Weber-Diedrich

Unabhängig vom Hin und Her um eine „Oster-Ruhe“, Hochinzidenzkommunen und Nebenwirkungen von Impfstoffen wird im Bezug auf die Corona-Pandemie in den vergangenen Tagen in der Bevölkerung diskutiert, ob die steigenden Infektionszahlen mit der Steigerung von Tests zusammenhängen. So fragte uns ein Leser: „In sozialen Medien und auch im Gespräch mit Freunden und Verwandten hört und liest man immer: Die Corona-Zahlen steigen doch nur, weil jetzt mehr getestet wird. Ist das wirklich so?“ Grund genug, dem Thema in unserer Serie „Ist das wirklich so?“ mal auf den Grund zu gehen.

Auf den ersten Blick klingt es logisch: Wenn mehr Menschen getestet werden, werden auch mehr Infektionen aufgespürt. Denn symptomfreie Infektionen würden womöglich sonst gar nicht erkannt.Die Schlussfolgerung daraus würde sein: Wenn alleine mehr Tests für steigende Infektionszahlen verantwortlich wären, dann müssten Fälle wie Tests im gleichen Maß ansteigen. In der Realität allerdings zeigen die Zahlen des RKI, dass die Zahl der Neuinfektionen nur teilweise mit der Zahl der Tests zusammenhängt. Das ZDF veröffentlichte dazu online eine Grafik und gab bekannt, dass in der Woche vom 14. März die Fallzahlen mehr als doppelt so stark gestiegen seien wie die Zahl der Tests. Verwiesen wird vom ZDF auch auf eine Aussage des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom vergangenen Jahr: Mehr Tests können „zu einem Anstieg der Fallzahlen führen, da zuvor unentdeckte Infizierte (auch ohne oder mit nur sehr milden Symptomen) erkannt werden. Das heißt aber nicht, dass umgekehrt die beobachteten steigenden Fallzahlen nur mit dem vermehrten Testaufkommen zu erklären wären.“ Einmal wöchentlich aktualisiert das ZDF eine Grafik, die die relativen Veränderungen von Corona-Tests und Neuinfektionen darstellt. Und daraus ist ersichtlich: Nur selten laufen beide Zahlen im Gleichschritt. Damit ist klar, dass sich steigende Fallzahlen nicht allein auf zunehmende Testungen zurückführen lassen. Mehr Tests sind nur einer von vielen Gründen. Ähnlich stellte es correctiv.org bereits Ende November dar. Auf der Internetseite wird berichtet: „Jeden Mittwoch veröffentlicht das RKI in seinem Situationsbericht, wie viele Tests in den jeweiligen Kalenderwochen durchgeführt wurden. Der ak-tuelle Bericht (Stand 24. November) zeigt beispielsweise, dass in der 47. Kalenderwoche 1.350.270 Tests durchgeführt wurden, von denen 126.852 (9,4 Prozent) positiv waren. In der 34. Kalenderwoche (Ende August) waren beispielsweise 987.423 Tests durchgeführt worden, und nur 0,88 Prozent davon fielen positiv aus.“Das Journalistennetzwerk erklärt weiter, dass diese „Positivenquote“ ein Anhaltspunkt dafür sei, dass die Infektionszahlen nicht nur deshalb steigen, weil mehr getestet wird. Als Beispiel nennt correctiv.org: „In der 47. Kalenderwoche ist die Quote positiver Tests mit 9,4 Prozent im Vergleich zu den vorangegangenen Wochen gestiegen – obwohl weniger getestet wurde. In der Woche zuvor waren nämlich 1.389.381 Tests durchgeführt worden. Davon waren neun Prozent positiv.“ Außerdem habe das RKI darauf hingewiesen, dass die Zahl der Tests nicht mit der Zahl der getesteten Personen gleichgesetzt werden dürfe, denn in den Angaben seien auch Mehrfachtestungen einer Person enthalten.

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Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit über 25 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor über 20 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.