Es geht um die Behauptung, dass sich die Krebsfälle im Landkreis Helmstedt wegen des Atommülls häufen.

von Katja Weber-Diedrich

Aktuell kocht die „atompolitische Lage“ im Landkreis und der ganzen Region wieder besonders hoch, ist die Bundesregierung doch auf der Suche nach einem neuen Atommüll-Endlager, in dem die gefährlichen Stoffe über eine Million Jahre eingelagert werden können. Im Zusammenhang mit der Lage des Landkreises Helmstedt – zwischen der Asse im Westen und dem Endlager für radioaktive Abfälle in Morsleben (ERAM) im Osten – wird des Öfteren ein höheres Vorkommen an Krebserkrankungen vermutet. In manch einem Bekanntenkreis scheint jeder Zweite oder Dritte betroffen zu sein. Ist es wirklich so, dass es in der Region um Helmstedt mehr Krebserkrankungen gibt als anderswo? Obwohl die verschiedenen Gesundheitsinstitute umfangreiche Daten zur Verfügung stellen, gestaltet sich die Recherche zu diesem Thema sehr umfangreich. Die ausführlichsten Daten sind schlussendlich beim Epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen (EKN) zu finden. Durch die Corona-Pandemie bestens bekannt wird dort auch auf Inzidenzwerte zurückgegriffen, um veranschaulichen zu können, wie das Verhältnis von Krebserkrankungen gegenüber der Bevölkerungszahl ist. 

Nein, es ist nicht so: Landkreis im „Mittelmaß“  

Wenngleich es bei einer Krebserkrankung eine Meldepflicht gibt, sind die Daten in diesem Bereich nicht so aktuell wie die zum Coronavirus. Dennoch lässt sich ad hoc feststellen, dass es allein im Helmstedter Kreisgebiet keine Häufung von Neuerkrankungen gibt. Die aktuellsten Daten liefert das EKN von 2018: In dem Jahr wurden im Landkreis 350 neue Krebserkrankungen bei den Männern und 295 bei den Frauen gezählt. Als Inzidenzwerte (Fälle pro 100.000 Einwohner) wurden daraus bei den Männern 456,5 und bei den Frauen 367,5 errechnet. Niedersachsenweit lag die Inzidenz im Jahr 2018 bei 433,1 bei den Männern sowie 358,5 bei den Frauen; womit der Landkreis Helmstedt ungefähr im Mittel abschneidet. 

Jeder zweite bis dritte Deutsche erkrankt an Krebs

Dass dies im „allgemeinen Rahmen“ liegt, bestätigt allein die Feststellung des EKN: „In Deutschland erkrankt jeder zweite bis dritte Mensch im Laufe seines Lebens an einer Krebserkrankung.“ Und das Landesgesundheitsamt Niedersachsen teilt mit: „Krebserkrankungen sind häufiger als in der Öffentlichkeit allgemein angenommen.“ Deutschlandweit treten jährlich etwa 600 neue Fälle pro 100.000 Einwohner auf, heißt es seitens des Landesgesundheitsamtes weiter, das erklärt: „Das bedeutet, dass man für eine Ortschaft mit 1.000 Einwohnern über die zehn Jahre etwa 60 Krebsneuerkrankungen erwarten würde, sofern die Altersstruktur ungefähr dem Landesdurchschnitt entspricht. Bei einer älteren Bevölkerung würde man sogar noch mehr Neuerkrankungen erwarten müssen.“

Krebsmonitoring beobachtet gebietsweise Entwicklung

Aktuell ist es also nicht so, dass es eine Häufung an Krebserkrankungen in der Region um Helmstedt gibt, allerdings gehört  die Erkrankungsrate der Männer im gesamten Braunschweiger Land (insbesondere in Hildesheim) zur höchsten in Niedersachsen, wie die unten stehende Grafik (Krebserkrankungen in den einzelnen Landkreisen/Gemeindegebieten des Landes Niedersachsen) des EKN verdeutlicht. Dem EKN ist darüber hinaus klar: „Jede vermutete regionale Häufung von Krebserkrankungen ist für die Menschen in der betroffenen Umgebung beunruhigend und erfordert eine rasche und sachgerechte Abklärung.“ Deshalb habe das Land Niedersachsen das EKN beauftragt, die Häufigkeit von Krebserkrankungen systematisch zu beobachten. Seit 2014 gibt es das gemeindebezogene Krebs-Monitoring. Das steht für das systematische Beobachten von Krebserkrankungsfällen in niedersächsischen Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern. Im Monitoring beobachte das EKN die regionale Verteilung von hämatologischen Krebserkrankungen. Für die Diagnosegruppen „akute Leukämie“ sowie „Non-Hodgkin-Lymphone, Multiples Myeloms und der chronischen lymphatischen Leukämie“ werde aktiv nach regionalen Erhöhungen gesucht, heißt es weiter. Zeichnet sich dabei ab, dass die Anzahl der Erkrankungsfälle in einer Gemeinde deutlich über den erwarteten Fällen liegt, wird die zuständige Gesundheitsbehörde vor Ort darüber informiert. Diese wiederum soll daraufhin versuchen, Erklärungen für diese regionale Krebshäufung aufzudecken und, wenn erforderlich, weitere Maßnahmen einzuleiten.  

Die Ursachenermittlung gestaltet sich schwierig

Das EKN gibt zu bedenken, dass sie Ursachenermittlung viel schwieriger sei als zum Beispiel bei Infektionserkrankungen. Häufig könne eine Krebserkrankung nicht genau einer Ursache zugeschrieben werden. Viele Faktoren wie der Lebensstil, der Arbeitsplatz oder auch die genetische Veranlagung spielten bei der Entwicklung eine Rolle. Das nennt sich „multikausales Geschehen“.

Gesundheitsamt ist der richtige Ansprechpartner

Wer sich mehr mit dem Thema bafassen möchte, findet beispielweise einen kleinräumigen Krebsatlas, der für ausgewählte Diagnosen das Krebsgeschehen in Niedersachsen auf Gemeindeebene beschreibt, im Internet unter www.krebsregister-niedersachsen.de/krebsatlas. Ansonsten sei das Gesundheitsamt vor Ort jederzeit der richtige Ansprechpartner, so das EKN. Denn die kommunalen Gesundheitsbehörden können das EKN bei einem begründeten Anfangsverdacht einer Häufung von Krebsdiagnosen in der Region um eine Überprüfung bitten. So hat es beispielsweise die Samtgemeinde Asse bereits vor einigen Jahren gemacht.

Chefredakteurin at | + posts

Katja Weber-Diedrich, geboren 1976 in Helmstedt, ist seit über 25 Jahren Lokaljournalistin durch und durch. Der Legende nach tippte die ehrenamtlich Engagierte vor über 20 Jahren den ersten HELMSTEDTER SONNTAG an einer Bierzeltgarnitur. Sowohl die Tiefen der deutschen Grammatik als auch die Wirren der Helmstedter Politik sind der Chefredakteurin nicht fremd; ihr Markenzeichen sind ehrliche Kommentare und Hartnäckigkeit.