Dieses Mal geht es um den Klimawandel und den damit verbundenen Anstieg des Meeresspiegels, beziehungsweise den Wegfall der Küsten.

von Katja Weber-Diedrich

„Die Ärzte“ fragten bereits 1988 in ihrem Westerland-Kommerzmix singend „Wann wird Sylt im Meer versenkt?“ und junge Leute, die freitags für das Klima streiken – wenn Corona das zulässt – befürchten unter anderem ein Schmelzen der Polkappen.

Aber ist es tatsächlich so, dass der Klimawandel dafür sorgt, dass das Meer immer mehr Land „verschlingt“? 

Stürme vernichten die Sylter Strände

Wie der SWR in einem Beitrag berichtete, würden die Winterstürme jedes Jahr einen Teil der Küste der Insel Sylt mitnehmen und die Strände würden immer schmaler. Deshalb betreibe man einen großen Aufwand, um die Küste Jahr für Jahr zu sichern. Nur so lasse sich verhindern, dass Sylt irgendwann im Meer versinkt.

Die Deutsche Presseagentur (dpa) formuliert es sogar noch krasser, indem sie auf einen Bericht der Wissenschaftler um Michalis Vousdoukas von der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission in Ispra (Italien) im Fachjournal im „Nature Climate Change“ eingeht: „Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten im Zuge des Klimawandels etwa die Hälfte der Sandstrände weltweit verschwinden“, heißt es beispielsweise auf der Internetseite des „Tagesspiegel“.

Wissenschaftler hätten ihre Prognose anhand der Veränderungen der Küstenlinien, die sich erkennbar auf Satellitenaufnahmen zwischen 1984 bis 2015 ergeben haben, gefällt und die Veränderungen bis 2050 sowie bis 2100 berechnet. Dabei hätten sich die Wissenschaftler auf zwei Entwicklungsszenarien des Weltklimarats bezogen: Eines mit einer globalen Erwärmung von 2,6 Grad Celsius bis zum Jahr 2100, und eines mit einer Erwärmung um 4,8 Grad.

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland schreibt übereinstimmend: „Nach dem ersten Szenario könnten die Küstenlinien an den Stränden bis 2050 um 2,2 bis 79,2 Meter zurückweichen, bis 2100 um 21,7 bis 171,1 Meter. Das zweite, wärmere Szenario wäre noch dramatischer: Rückgänge bis zu 99,2 und bis zu 246,9 Meter.“

Hinzu kommt die Küstenerosion 

Nicht in diese Berechnungen eingegangen sei die Küstenerosion durch Einzelereignisse wie starke Stürme, wovon besonders die deutsche Nordseeküste sowie die Südostküste Großbritanniens, Nord-Queensland (Australien) und Acapulco an der mexikanischen Pazifikküs-te betroffen seien, heißt es im dpa-Text und abschließend soll der Leser beruhigt werden: „Doch der Mensch habe Handlungsmöglichkeiten, schreiben die Forscher: ‚Die Erfahrung der Vergangenheit hat gezeigt, dass eine effektive standortspezifische Küstenplanung die Stranderosion mildern und letztendlich zu einer stabilen Küste führen kann. Das bekannteste Beispiel ist die niederländische Küste.‘“

Dramatisches Bild des Weltklimarates

Vor etwa einem Jahr stellte der Weltklimarat in Monaco einen „Report zur Eisschmelze und den Ozeanen“ vor, der ein sehr dramatisches Bild aufzeigte, wie die dpa unter anderem über „Merkur“ berichtet: „Der Meeresspiegel steigt doppelt so schnell wie im vergangenen Jahrhundert, ganze Küstenstreifen könnten unbewohnbar werden und Wetterkatastrophen werden extremer.“

In seinem Report zeichne der Weltklimarat ein düsteres Szenario, wenn nicht rasch etwas unternommen würde. 

Hunderte Millionen Menschen müssen flüchten

Wegen steigender Meerespiegel rechne er unter anderem mit Hunderten Millionen Flüchtlingen. 

Wissenschaftler gingen davon aus, dass 280 Millionen Menschen bei einer Erderwärmung um zwei Grad Celsius in niedrig liegenden Millionenstädten und Inselstaaten wegen Überflutung und heftiger Stürme ihre Heimat verlieren könnten, schreibt Merkur.

Insbesondere in der Antarktis sehe der Bericht eine Gefahr durch die beschleunigte Eisschmelze. Das könnte den Meeresspiegel innerhalb von Jahrhunderten um mehrere Meter steigen lassen.

Weiter heißt es bei Merkur: Es sei noch unsicher, ob und wann dies beginne. Gleichzeitig würden durch die Veränderungen im Ozean extreme Wetterereignisse wie Stürme und Hochwasser häufiger und stärker. Außerdem zeige der Bericht auf, dass die durchschnittliche Stärke von Wirbelstürmen zunehme. Viele Küsten-Megastädte und kleine Inseln müssten mit extremen Wetterereignissen rechnen, die eigentlich nur einmal im Jahrhundert auftreten. 

Was also tun gegen diese negative Entwicklung für so viele Millionen Menschen und Tiere? 

Für den Weltklimarat ist klar, dass eine „Besserung“ durch eine extreme Reduzierung der Treibhausgase, den Schutz der Ökosysteme und den bedachten Umgang mit den natürlichen Ressourcen zu erreichen ist. 

„Was wir sehen, ist, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel einen großen Einfluss auf die Systeme hat, von denen wir abhängig sind“, sagte Debra Roberts, Weltklimarat-Co-Vorsitzende, anlässlich der Vorstellung des genannten Reports im September 2019 der dpa. Sie betonte auch die „Dringlichkeit rechtzeitiger, ehrgeiziger und koordinierter Maßnahmen“.

Heike Vesper, Leiterin Meeresschutz des WWF Deutschland, kommentierte ihrerzeit, dass die Maßnahmen der Politik völlig unzureichend seien. 

WWF stellt Küstenschutz als wichtig dar

Dabei unterstreicht der WWF die Wichtigkeit von Küstenbereichen. Sie gehörten zu den produktivsten und biologisch reichs-ten Gebieten der Erde. Obwohl sie nur zehn Prozent der Meeresumwelt ausmachten, seien sie die Heimat von über 90 Prozent aller marinen Arten: „Küstengewässer sind die nährstoffreichsten aller marinen Ökosysteme, zusammen mit dem einfallenden Sonnenlicht bietet dies ideale Bedingungen für Meereslebewesen. Infolgedessen hat sich eine Reihe von äußerst produktiven und -komplexen Küstenökosystemen entwickelt.“

Auch für den Menschen seien Küsten wichtig. Mehr als eine Milliarde Menschen sei auf Fisch als Proteinquelle angewiesen und Kleinfischerei sichere die Lebensgrundlage von mindestens 500 Millionen Menschen weltweit.