Es geht um die Behauptung, betrunken würde man Fremdsprachen besser beherrschen.

von Natalie Reckardt

Dass man unter Alkoholeinfluss nicht mehr so spricht wie gewöhnlich, wird dem ein oder anderen bekannt vorkommen. Lange Zeit wurde die Behauptung aufgestellt, dass man betrunken auf einmal viel besser Fremdsprachen beherrsche. Laut einer so genannten „Bier-Studie“ der Universität Maastricht ist an dieser Behauptung eventuell etwas Wahres dran. Die forschenden Wissenschaftler haben eine Studie im Journal of Psychopharmacology veröffentlicht, die bestätigen soll, dass man betrunken Fremdsprachen besser spricht. Natürlich kann man nicht auf einmal eine völlig neue Sprache sprechen, die man zuvor nicht beherrscht hat, aber bei Sprachen, die man kennt, verbessere sich signifikant die Aussprache. In der Studie mit 50 Personen wurde einer Hälfte Alkohol verabreicht und der anderen nicht. Im Anschluss führten die deutschen Muttersprachler Gespräche auf Niederländisch, die von zwei niederländischen Muttersprachlern ausgewertet wurden. Alle Probanden, die Alkohol getrunken hatten, schnitten deutlich besser ab, als die unalkoholisierten Teilnehmer – insbesondere was die Aussprache angeht

Warum ist das so?

Warum Bier und Wein zur Fremdsprachenförderung bei tragen, erklärt die Studie allerdings nicht. Die Forscher vermuten, dass es an dem enthemmenden Effekt des Alkohols liegen könnte. Wer weniger Angst hat, sich in der fremden Grammatik zu vertun oder ein Wort falsch auszusprechen, unterhält sich unbeschwerter. Die Forscher warnen jedoch davor, ihre Ergebnisse überzubewerten. Die Studie untersuchte zudem nicht, ob ein ähnlicher Effekt auch bei Menschen auftritt, die seit Jahren eine Fremdsprache lernen. Zudem gilt nicht: mehr hilft mehr. Die Alkoholdosis war auf das Körpergewicht der Probanden abgestimmt. Es entsprach in etwa einer 0,5-Liter-Bierflasche. Wie sich ein höherer Spirituosenkonsum auf die Sprachfähigkeiten auswirkt, wurde nicht untersucht. Wahrscheinlich hofft man also vergebens, volltrunken perfektes Niederländisch oder Französisch zu sprechen.

Was spricht gegen die Studie?

Hans Rutger Bosker vom Max Planck Institut für Psycholinguistik in Nijmegen sieht bei der Studie gleich mehrere Schwächen, die es letztlich unmöglich machen, aus der Arbeit klare Schlussfolgerungen zu ziehen: Die Aussagen der Forscher beruhten auf den sehr subjektiven Beurteilungen von nur zwei Muttersprachlern und nicht auf objektiven Kriterien. Es sei außerdem vorstellbar, dass unter den 25 Teilnehmen- den unter Alkoholeinfluss zufällig viele waren, die generell besser sprechen konnten als die wassertrinkenden Probanden. Um das Phänomen zuverlässig zu untersuchen, bräuchte man daher eine deutlich größere Probandengruppe – und mehr Teilnehmer, die die Aussprache nach klaren Kriterien beurteilen. Nur so ließe sich das Ergebnis wirklich vergleichen. Auch die Erklärung der Forscher, Alkohol löse Sprachhemmungen, und könne so für eine bessere Aussprache sorgen, lässt Bosker nicht gelten. Hätten geringere Hemmungen die Aussprache verbessert, würde man erwarten, dass sich auch die Grammatik und der Vokabeleinsatz verbesserten. In diesen Punkten hätte die Studie aber keine Unterschiede festgestellt. Die Studie sei laut Bosker zwar spannend, ließe jedoch noch einige Fragen offen.

 

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Natalie Reckardt, geboren 1999 in Schönebeck (Elbe), ist das Küken in der Redaktion des HELMSTEDTER SONNTAG und steckt mitten in ihrem Volontariat. Die Danndorferin ist eine leidenschaftliche Sportschützin mit einer kleinen Abneigung gegenüber (Führerschein-)Prüfungen. Sie schreibt unheimlich gerne die Fleischerseite des HELMSTEDTER SONNTAG.