Es geht um die Behauptung, dass hoher Medienkonsum schädlich für Kinder sei.

von Katharina Loof

Ist das wirklich so?“: Fernsehen, Tablets, Handy und Spielkonsolen sollen keinen negativen Einfluss auf die geistige Entwicklung eines Kindes haben. Das zumindest meint Medienpsychologe Malte Elson. Der Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum promovierte über die Defizite der medienpsychologischen Aggressionsforschung und sprach in einem Interview mit der „taz“ über die vermeintlich langfristigen Folgen der Medienzeit, die sich bekanntlich als Auswirkung des Lockdowns rapide erhöht hat, für Kinder. Vermeintlich, weil Elson selbst keine negativen Folgen befürchtet. Im Gegenteil: der Medienpsychologe attestiert den Eltern eine unentspannte Haltung gegenüber dem Medienangebot. „Es wäre verrückt anzunehmen, dass das Gehirn erst mal ein gesundes Organ ist und dann macht man irgendwas wie Fernsehen und dann ist es ungesund“, lautet seine Erklärung. Das Gehirn sei plastisch, es verändere sich ständig. Genau in diesem Ansatz lässt sich aber nachbohren: Wenn etwas fähig ist, sich zu verändern, sprich sich den Gegebenheiten anzupassen und an Herausforderungen zu wachsen, kann es sich auch zurückbilden. Immerhin ist das Gehirn letztendlich ein Muskel, der trainiert und bewegt werden will. Sprich: kommt kein Input, folgt keine Entwicklung, Reize könnten verkümmern oder Fehlreaktionen hervorrufen, die unter anderem in Lethargie oder in einem gesteigerten Aggressionsverhalten sowie in einer verkümmerten Selbstregulation münden könnten. Auch die Fähigkeit zum kompetenten Umgang mit Emotionen ist an die Hirnentwicklung gekoppelt, die durch einen Medienkonsum gestört werden könnte.So zumindest die Sichtweise vieler Kinderpsychologen, die in einer „unangemessenen“ Bildschirmzeit Gefahren sehen. So stehen in einer Broschüre des Bundesfamilienministeriums sehr strikte Zahlen: Während Kinder unter drei Jahren überhaupt kein Fernsehen schauen sollten, da das Gehirn für Reize und Bildabfolgen noch nicht ausgelegt sei, sollten auch Kinder bis zum fünften Lebensjahr nicht mehr als 30 Minuten pro Tag fernsehen, Kinder zwischen sechs und neun Jahren nicht mehr als 45 Minuten und Kinder ab dem zehnten Lebensjahr maximal eine Stunde pro Tag.

Fundierte Studien zu Auswirkungen gibt es wenige

Studien zur Auswirkungen von Bildschirmen aufs Gehirn gibt es allerdings wenige und die, so Elson, „die es gibt, weisen nicht darauf hin, dass da strukturelle Veränderungen entstehen“. Richtig eingesetzt könne vielmehr jedes Medium eine Bereicherung darstellen, ist sich der Medienexperte sicher. Doch es gibt Vorraussetzungen: Erstens – dieser Einwand kommt nicht von Elson, sondern vom Bundesfamilienministerium – wenn das gewählte Medium nicht die Rolle der Ersatzbetreuung übernehme. Generell sollten Kinder mit Handys und anderen Geräten nicht „ruhig gestellt“ werden, weder im Restaurant oder während der Homeoffice-Zeit der Erwachsenen. Zweitens – darauf weist der Junior-Professor hin – wenn die Beschäftigung am oder mit dem medialen Endgerät sowohl von den Eltern als auch von den Kindern und Jugendlichen als eine Möglichkeit von vielen Freizeitaktivitäten betrachtet werde.

Schuld ist oft der „blöde Gesichtsausdruck”

Denn das Problem einer „übermäßigen“ Mediennutzung, sei vielmehr, dass andere Aktivitäten, wie das freie Spiel, das Interagieren mit Freunden und generell die Pflege von sozialen Kontakten, sportliche Bewegungen (ob im Verein oder an der frischen Luft) sowie letztendlich das Lernen für die Schule oder gar der Schlaf vernachlässigt werden könnte, was wiederum zu Übergewicht, einem ungesunden Lebensstil, Vereinsamung und schulischem Leistungsabfall führe. „Prinzipiell“, so Elson, hätten streng genommen auch andere Hobbys, wie eine extreme Leseleidenschaft, ähnliche Konsequenzen. Nur dass eben Leseratten – egal wie blass oder übergewichtig sie auch sind – nicht mit Vorurteilen zu kämpfen hätten. Lesen mache bekanntlich nicht dumm, über das Fernsehgucken werde das aber behauptet. Was sicherlich mit dem „blöden Gesichtausdruck“ zu tun habe, den Kinder beim intensiven Verfolgen einer Fernsehsendung öfter aufsetzen, erklärt der Medienpsychologe das Phänomen der Stigmatisierung. Hinzu käme die asymmetrische Verteilung der Bildschirmzeiten in der Gesellschaft. „In finanziell schwächeren Schichten nutzen Kinder oft unüberwacht Bildschirme. Die sind aber auch aus anderen Gründen benachteiligt – etwa bei der Unterstützung in der Schule. Man kann also nicht einfach sagen, dass die Empfehlung zu maximalen Bildschirmzeiten wissenschaftlich fundiert sei“, schlussfolgert Elson. Im Übrigen kämen Studien der vergangenen 15 Jahre zu der Schluss folgerung, dass es sowohl bei den Kindern, die ganz viel fernsehen, als auch bei denen, die dies kaum bis gar nicht dürfen, Korrelationen zu anderen wichtigen Lebensfaktoren gebe. „Man kann also davon ausgehen, dass bei den beiden Spitzen auch noch andere Dinge im Umfeld im Argen liegen“.

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